Knappe Luft und Berglagunen

Seit wir in Peru angekommen sind, ist schon wieder so viel passiert, dass kaum die innere Verarbeitung des Erlebten mit der Realität gleichziehen kann. Aber, wie immer, ganz der Reihe nach:
Da wir ja nun schon aus Erfahrung wussten, dass die Ankunft in einem Land und dessen Flughafen einige Bauernfänger-Risiken mit sich bringt, hatten wir vorgesorgt. Um dem Unbehagen der „Taxi my friend, good price – I’m totally not a thief, that wants all your money“-Brüller zu entgehen, hatten wir schon im Vornherein mit unserer Unterkunft Nachrichten gewechselt und um eine Abholung gebeten.
Als wir aus dem ruhigen Flug nach Lima in die Eingangshalle geschwemmt wurden, warteten zwei junge Peruaner mit einem großen Schild auf uns, um uns abzuholen – es tat so gut, mit ortskundigen Leuten einfach an den Taxifahrern vorbeizuziehen und sorglos in das per Smartphone herbeigerufene Uber-Taxi (das ist eine tolle Transport-App, mit der man sich leicht und transparent einen Transport für einen günstigen Preis organisieren kann) einzusteigen, dass man dafür kaum Worte finden kann. Kein Vergleich zum Desaster in San Jose – nehmt das, ihr schurkischen Taxifahrer!
Wie gut es war, abgeholt zu werden bemerkten wir erneut, als das Auto in die knallvolle Autobahn Limas einbog und uns einen Einblick in den bisher chaotischsten Verkehr gewährte, den wir bisher gesehen hatten. So eng, wie die da alle auffahren und haarscharf hupend aneinander vorbeidüsen, würde sicherlich so mancher Chirurg vor Neid erblassen. Da ist die Portion Angstschweiß und Po-Zusammenkneifen gleich mit inklusive. 😊
Neben dem Verkehr fiel uns jedoch noch etwas auf: Lima ist riesig. Sieben Millionen Menschen leben hier – da blieb uns erstmal die Spucke weg, ebenso wie in dem Moment, als wir in unsere Air-BnB-Wohnung eingelassen wurden. Zweistöckig, mit zwei Küchen, mehreren Zimmern und zwei Balkons mit Blick auf den Pazifik – uns dümmlich einander angrinsend ahnten wir bereits, dass wir den Jackpot gezogen hatten.
Lima Lima (1)
Nach kurzer Einführung in die Aufteilung der Wohnungen wurden wir in einen großen Raum mit kuscheligem Bett, Schreibtisch und Nachttischlampen geführt, der eine uns bisher noch nicht begegnete Zu-Hause-Atmosphäre verbreitete. (Vielleicht lag es auch daran, dass wir in der Calle Berlin wohnten.) Als, nach einer kurzen Einkaufsrunde und Erkundungstour im schönen Künstlerviertel Miraflores, in dem die Wohnung liegt, die Lichter ausgingen, schliefen wir so fest und gut wie schon lange nicht mehr.

Für unseren Aufenthalt in Lima standen zwei wichtige Tagesordnungspunkte auf unserem Plan: Die Wiederbeschaffung von Wanderschuhen und die nicht minder wichtige Planung unserer Reiseroute in Peru. Da wir an diesem Morgen einen extrem ausgedehnten Aufwachprozess hatten, entschieden wir uns nach dem Aufstehen und Frühstücken, die Planung der Reise anzugehen. Wir hatten im Vornherein schon ein paar Informationen von echten Insidern eingeholt und konnten mit Hilfe dieser Ratschläge sowie ausgedehnter Internet- und Blogrecherche die nächsten 14 Tage durchorganisieren. Unsere Vorfreude wuchs, denn es standen granatenmäßige Ziele auf dem Plan: Wanderungen, Gletscherbesuche und noch einiges mehr Interessantes – da läuft dem Reisenden das Wasser im Mund zusammen!
Nach dieser Mammut-Aufgabe riefen wir schon das nächste Uber-Taxi um zum TOP Nummer 2 überzugehen: Schuhe kaufen. Wir hielten an einem Outdoorgeschäft der Bonzenklasse an. Nach einem kurzen Blick auf die Preisschilder der Schuhe und einem ungläubigen Hüsteln samt Augäpfel hervortreten, stapften wir zum nächsten Geschäft. Besonders Mareike setzte große Hoffnungen in diesen Shop, da ihre geklauten Halbschuhe von genau dieser Firma waren. Nachdem wir durch den stylishen Eingangsbereich in die Schuhecke gehuscht waren, trauten wir unseren Augen kaum: Genau das Modell, dass von einem kriminellen Costa Ricaner geraubt wurde, stand dort in leicht anderen Farben mit deftigen Prozenten und sogar in Mareikes Größe vorhanden auf dem Präsentierpodest. Nach kurzem Anprobieren war klar: Das sind Sie, wir können weiter. Ein wahres Geschenk des Himmels!
Dass jedoch Mareike Schuhe finden würde, war beinahe gesichert. Für Tobis große Botten gestaltete sich der Fall leider ein wenig anders. Da aber noch ein großes Einkaufscenter, das/der/die „Larcomar“ als letzte Anlaufstelle in unseren Offline-Karten gespeichert war, war die Hoffnung noch nicht gänzlich gestorben. Nach kurzer Rast machten wir uns auf in die schicken Verkaufshallen direkt an der pazifischen Küste.
Um die Odyssee, die wir an diesem Ort mit den armen Verkäufern hinter uns bringen mussten abzukürzen sei an dieser Stelle vermerkt: Auch Tobi sollte seine Wanderschuhe bekommen. Im ungefähr siebten Geschäft mit zwei Doppelbesuchen, unsicherem Gestammel, Abwägen und Währungsrechner heiß laufen lassen. Wir konnten es am Abend dieses langen, anstrengenden Tages kaum fassen: Wir hatten tatsächlich gute, neue, wasserdichte Wanderschuhe gefunden – unsere Gebete wurden erhört. 😊 Nachdem wir das gewuppt hatten, konnten wir den nächsten Tag ganz der Erkundung von Miraflores widmen und dabei sind ein paar, unserer Meinung nach, schöne Aufnahmen entstanden:


Nun war alles bereit, um die Zelte in Lima abzubrechen und per 9-Stunden-Busreise in die Bergstadt Huaraz zu tuckern, die auf über 3500 Höhenmeter liegt. In einem Anflug von übermäßiger Intelligenz (beim Lesen bitte mit sarkastischer Stimme rezitieren) reservierten wir uns die Sitze gleich vorn, natürlich um unserer Reiseübelkeit entgegenzuwirken, aber auch um eine tolle Aussicht genießen zu können. Doch schon nach den ersten Minuten Busfahrt wurde uns klar – der Plan wird nicht aufgehen. Der Busfahrer saß in einem komplett abgetrennten Abteil, bei welchem die Sicht frontal nach vorne komplett durch Vorhänge verdeckt war. Als wir versuchten, diesen zugezogenen Vorhang zur Seite zu schieben wurde uns deutlich gemacht, dass er über die gesamte Fahrt geschlossen sein muss – Anweisung der Polizei. Zusätzlich war durch die Fahrerzelle die Beinfreiheit so bemessen wie in einem Bobbycar – es lagen also mehr oder weniger 9 Stunden Knast vor uns. Naja, für die nächsten Fahrten wissen wir Bescheid. 😊

Schon im Bus wurde die Luft merklich dünner und als wir nachts am Busbahnhof in die relativ kalte Stadt heraustraten, waren wir in einer anderen Welt angekommen.
Allein wenige Treppen ließen uns schwer atmen, das Herz raste um mehr Blut durch den Körper zu pumpen und somit den Sauerstoffhaushalt zu erhöhen. Obwohl wir saßen, mussten wir des Öfteren einfach mal einen tieferen Atemzug durch den Mund nehmen, weil die Nase einfach nicht genug Volumen liefern wollte. Die Lunge und Nase ächzten unter der fast staubtrockenen Luft im Gebirge.
Ihr könnt euch also sicherlich bestens vorstellen, dass wir uns gleich zwei Tage Akklimatisierungskur verordnet hatten, mit kleinen Touren die Stadt erkundeten und mit ausgedehnten Mittagsschläfchen dem Körper etwas Gutes taten. 😊
In dieser Zeit des Murmeltierdaseins schmiedeten wir unseren Plan für Huaraz: Wir wollten eine Lagune im Gebirge, die Lagune 69, bewandern und uns den „Pastoruri“- Gletscher anschauen – bei beiden Touren handelte es sich um Tagesausflüge.
Da wir uns am dritten Tag in Huaraz genug gestärkt und angepasst fühlten, buchten wir einen Transport zum Beginn des „Laguna 69“-Treks, auf dem wir zum ersten Mal unsere brandneuen Wanderschuhe ausprobieren konnten. Bereits die Fahrt zum eigentlichen Ziel war schlicht atemberaubend: Die schneebedeckten Gipfel der 6000er, die unfassbar weitläufige Landschaft, das Spiel von Schatten und Licht auf den Anden – einfach nur fantastisch. Wir hatten jedoch auch dementsprechenden Respekt vor dem Trek zur Lagune, denn diese liegt auf gut 4600 Höhenmetern und am Morgen der Abholungen um 5.30 herrschten geschätzte 3 Grad. Wir mussten also in relativer Kälte vom Beginn der Wanderung an über 700 Höhenmeter bewältigen, die sich auf eine Strecke von 7 Kilometern ausdehnt. Oh ha, da kann man mit unserer brandenburger Flachland-Lunge schonmal ins Grübeln kommen.
Als die Tour dann endlich nach einer knapp 3 stündigen Busfahrt, auf der wir ein liebes Paar aus Neuseeland kennengelernt hatten, ihrem Ende entgegenging, wanderten wir durch ein grünes Tal mit sanftem Anstieg. Hier und da stand eine weidende Kuh, von der sich die ein oder andere einen Schluck aus den kühlen Bergbächen gönnte. Ein wahres Postkartenmotiv-Fest!

Wir schnauften zwar, doch es ging uns noch verhältnismäßig gut.
Doch dann kam der richtige Aufstieg. Oh Mann, oh manno mann. Das Hochlaufen zur Lagune einem Kampf gleichzusetzen, wäre eine ziemliche Untertreibung. Es war ein erbittertes Gefecht mit unseren Lungen, allen Muskelfasern, die unsere Beine hergaben und nicht zuletzt unserem Geist, der vor einer seiner größten Prüfungen der bisherigen Reise stand. Als wir nach etlichen Pausen, Schnaufen und Hadern endlich den Blick auf die Lagune bekamen, konnten wir nur an eines denken: Wo ist hier der nächste Platz zum Proviant verputzen?! 😊
Laguna 69 (86)_be
Mit eisernem Willen und dem Wissen um unseren Triumph über uns selbst, traten wir nach kurzer Zeit den Rückweg zum Bus an, der uns sicher, wohlbehalten und erschöpft nach Huaraz zurückbrachte.

Gleich am nächsten Morgen traten wir unsere Reise zum ortsbekannten „Pastoruri“-Gletscher an, der besonders durch seinen extrem starken Rückgang innerhalb der letzten Jahren ein Zeichen für den Klimawandel geworden ist. Da wir beide noch nie einen Gletscher zu Gesicht bekommen hatten, freuten wir uns trotzdem. Die Busfahrt führte uns mit einigen Stopps an einer surreal tiefen Lagune mitten in einem kargen Tal, sonderbaren Pflanzen, welche nur  einmal in ihrem hundertjährigen Dasein blühen und weitläufigen Einöden vorbei auf den über 5000 Meter hohen Ausgangspunkt zur kurzen Gletscherwanderung.


Unser Befund nach dem Besuch: Gletscher sind tatsächlich faszinierend und haben einen ganz speziellen Reiz. Diese gewaltigen Eismassen haben etwas urtümliches, irgendwie nicht von dieser Welt. Was uns hier jedoch besonders ins Auge gefallen ist, ist der Umfang des Gletscher-Rückgangs. Da kommt man schon ins Grübeln, wie es mit der Welt wohl weitergehen wird. Um über dies und die bisherige Reise weiter nachzudenken blieb uns auf der ausgedehnten Rückfahrt nach Huaraz genügend Zeit – zu einem endgültigen Schluss sind wir dennoch noch nicht gekommen.

Am nächsten Tag sollte es auf zum nächsten Punkt unserer Reise gehen. Per Nachtbus nach Lima und von dort mit dem Flughafen in die Amazonas-Stadt Iquitos. Doch davon mehr im nächsten Blogbeitrag. 😊

3 Gedanken zu “Knappe Luft und Berglagunen

  1. Wow, ich bin total geflasht 🙂 Ihr habt es gerade geschafft, dass ich mein Essen in der Mittagspause vollkommen vernachlässigt habe und nur noch Augen für euren Beitrag hatte. Angefangen von nem breiten Grinsen im Gesicht bis hin zu einer Wasseransammlung in meinen Augen sprudelten die Emotionen beim Lesen hervor. Es ist so toll, was ihr alles zu sehen bekommt und auch mit uns teilt.
    Hoffentlich habt ihr den Wetterumschwung von heiß zu 3 Grad gut verkraftet! Wo habt ihr nur die ganzen Klamotten dafür gebunkert? 🙂
    Wir vermissen euch und freuen uns so unendlich doll über jedes Lebenszeichen. Dicke Umarmung aus Berlin :-*

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    • Ich finde, die Mittagspausen werden eh überbewertet 😉 Aber im Ernst, vielen Dank für dieses tolle Kommentar! Da bleiben auch hier, am anderen Ende der Welt, die Äuglein nicht trocken!
      Ehrlich gesagt, ein wenig unterschätzt haben wir das Wetter/ den Winter in Südamerika schon, aber dann muss eben der Zwiebellook her. 😀
      Mit einer festen Umarmung aus dem kalten Peru,
      Mareike

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