Klimawechsel und das „Las Amazonas“-Drama – Teil 1 unserer Amazonas-Tour

Hinter der Nachtbusfahrt, die uns von Huaraz nach Lima und von dort per Flugzeug weiter nach Iquitos bringen sollte, steckte ein ausgeklügelter Plan:
Dadurch, dass wir dem Wort gemäß mit dem Bus die mit circa acht Stunden veranschlagte Fahrt in der Nacht absolvieren würden, würden wir uns nicht nur eine Unterkunft sparen, sondern gleich nach der Ankunft per Taxi zum Limaer Flughafen fahren und dort gemütlich auf unseren Flug in die Amazonas-Stadt warten. Wie bereits beschrieben handelte es sich hier um UNSEREN Plan – die Realität hatte ein anderes Blatt für uns verteilt. 😊
Pünktlich um 22.30 Uhr rollte unser Bus in Huaraz vom Hof. Obwohl wir die obligatorische Reisetablette gegen die bei uns häufig auftretende Serpentinen-Übelkeit genommen hatten, war der Start in die Reise nicht optimal: Irgendwie grummelte der Magen und der standardmäßig ausgetrahlte Film mit spanischer Synchronisation (der überdies in fast jedem Reisebus angestellt wird) half auch nicht wirklich, in die richtige Schlafstimmung zu kommen. Irgendwann fielen jedoch zumindest partiell die Äuglein zu und wir fielen in einen Schlaf mit einigen Unterbrechungen. Wir rechneten nach Busfahrplan damit, gegen 7 Uhr in Lima anzukommen. Als die Uhr auf unserem Handy 5 Uhr anzeigte und uns unser Offline-Navi anzeigte, dass wir soeben in Lima eingerollt waren, schauten wir uns ungläubig an: Zwei Stunden zu früh im Morgengrauen in einem komplett fremden Stadtteil! Die Pumpe ging uns stoßweise. Um uns zu beruhigen und den auch hier lauernden Taxi-Nepper-Schlepper-Bauernfängern aus dem Weg zu gehen, flüchteten wir uns in die Wartehalle, deren offizielles Eingangstor noch geschlossen war und uns somit einen geschützten Raum zum Abwarten bot.
Nach gut einer Stunde wagten wir uns auf die Straßen von Lima um etwas Essbares zu suchen und eine der vielen Apotheken aufzusuchen – der Reisetabletten-Vorrat musste aufgefrischt werden und auch ein neuer Moskito-Schutz musste her. Wir merkten schnell, dass wir nicht mehr im schönen Miraflores unterwegs waren: Wir liefen durch unglaublich dreckige Straßen und fühlten uns von beinahe jedem Augenpaar, an dem wir vorbeigingen, begutachtet. Ein echtes Gefühl der Fremde stieg in uns auf und wir waren froh, als wir unsere Erledigungen hinter uns gebracht hatten. Um zum Flughafen zu kommen, holten wir uns ein seriös wirkendes Taxi von der Straße und sprachen auch im Vornherein den Preis für die Fahrt ab: 25 Soles, also ungefähr 6,50€. Leider war dieser Halunke auch nicht astrein, denn am Flughafen wollte er dann gerne 25 Soles pro Kopf haben – erschrocken konnten wir den Preis aber zum Glück noch etwas runterhandeln, sodass wir mit einer Erfahrung reicher unseren Flughafen-Aufenthalt begehen konnten.
Ohne Probleme kamen wir in Iquitos an und der Wechsel der Klimata hätte krasser nicht ausfallen können:
Vom kühlen und trockenen Lima ins warme und feuchte Iquitos. Am Ausgang erwartete uns erneut eine Traube von Taxifahrern, die mit unangenehmer Aufdringlichkeit um unsere Gunst buhlten. Da Iquitos jedoch eine Insel mitten im Amazonasgebiet ist und somit jedes technische Gut, was dort zu sehen ist, extra dorthin transportiert werden muss, erlebten wir eine kleine Überraschung: Keine normalen Autos, sondern ein Meer an dreirädrigen Motorrad-Taxen mit Überbau sind hier das Transportmittel Nummer eins – logisch, ein Motorrad ist schließlich billiger als ein Auto.
Wir schnappten uns also ein Moto-Taxi fernab des Stroms und traten unsere erste Open-Air-Taxifahrt unserer Reise an. Die laue Luft wehte uns um die Nase als wir durch das quirlige und vibrierende Nachtleben in Richtung unserer Unterkunft knatterten – ein echtes Erlebnis und eine ganz besondere Stimmung, die wir da erleben durften.
In unserer einfachen Hospedaje angekommen fielen wir müde in unser Bett, konnten jedoch noch nicht sofort schlafen, denn uns trieb noch eine Sorge um.
Der Grund unseres Besuches in Iquitos war nicht die Stadt selbst, sondern eine dreitägige Tour in den Amazonas-Dschungel auf eine Lodge, die wir bereits in Lima gebucht hatten. Da freuten wir uns schon riesig drauf! Die Kommunikation mit dem Betreiber war jedoch etwas schwierig:

Der eigentliche Ablauf der Tour beinhaltet die Abholung vom Flughafen und den Rücktransfer dorthin. Da wir jedoch schon einen Tag vor dem Start des Trips in Iquitos landeten, bemühten wir uns um eine Abholung direkt von unserer Unterkunft, um uns eine Extra-Moto-Taxifahrt zurück zum Flughafen zu sparen. Nach einigem Bangen hatten wir bereits in Huaraz die Bestätigung erhalten, dass unsere Anfrage vermerkt wurde und wir pünktlich von unserer Hospedaje abgeholt werden würden. Puh, erleichtert purzelten einige Riesenfelsbrocken von unseren Herzen, da wir im Internet Schauergeschichten von verpassten Abholungen und damit ins Wasser gefallenen Touren gelesen hatten. Als wir nichtsahnend am Abend vor der Tour nochmals unsere Emails in Iquitos checkten, hatten wir abermals eine generierte Email des Anbieters im Postfach mit der Bitte unsere Ankunftsdaten um Flughafen zu übermitteln. Wie bitte?! Sollte unsere bestätigte Abholung von der Hospedaje bei dem Anbieter wieder untergangen sein? Nur schlecht fielen wir in den Schlaf und bangten am nächsten Morgen dem vereinbarten Abholungszeitpunkt entgegen.  Als wir dann um 8 Uhr zur ausgemachten Zeit fertig am Tor der Unterkunft standen und auch 15 Minuten später kein Auto vor der Tür stand um uns abzuholen, setzte latente Panik ein. Wir entschlossen uns, den Unterkunftsbesitzer um Hilfe zu bitten. Auch wenn dieser kein Englisch sprach, wurschtelten wir uns dank Google-Übersetzer (übrigens eine absolut geniale Erfindung) durch und er erreichte tatsächlich den Tourenanbieter. Keine 10 Minuten später stand unser Shuttle vor der Tür. Puuuh, ausatmen, Schweiß abwischen, weiche Knie wieder erstarken lassen. 😊
Es stellte sich heraus, dass die zuvor geschickten Informationen unserer Abhol- und Abladeorte zwar angekommen, jedoch vertauscht wurden. Das mag an dem nicht ganz unwichtig erscheinenden Detail liegen, dass beide Hostels mit „las Amazonas“ endeten. Wir hatten zwar auch die exakte Adresse mitgeschickt, aber wat sollet, ne? Hauptsache wir wurden abgeholt. Und so begann unser

Tag 1 im Amazonas

Wir wurden von zwei Peruanern abgeholt: Dem Fahrer und unserem Guide, Richard, der uns auf dem Weg zum Hafen schon einige interessante Informationen über Iquitos mitteilte. Wir wurden an einem brummenden Markt, einige Meter vom kleinen Hafen entfernt, aus dem Shuttle gelassen – um unser Gepäck kümmerten sich die Tour-Leute – was für ein ungewohnter Luxus! Vor uns eröffnete sich ein Potpourri der ungeahntesten Speisen: Direkt am ersten Stand zeigte uns Richard die fettesten, noch lebenden Maden, die ihr euch vorstellen könnt: Dick und noch krabbelnd, konnten wir die Insekten in den verschiedenen Formen ihrer Zubereitung begutachten. Noch lebend, tot und gewaschen, ausgenommen (mitsamt der Innereien-Schale, mmmmh) und schließlich am Spieß auf dem Grill geröstet. Wir lehnten dankend ab. 😊

Auf dem Weg zu unserem überdachten Boot kamen uns noch Krokodil, Schildkröte und verschiedenste exotische Früchte vor die Nase, zu denen uns Richard freigiebig sein Wissen teilte.

Mit klopfendem Herzen und freudig grinsend begingen wir nach diesem kulinarischen Ausflug unsere erste Fahrt über den Amazonas! Diese war von Anfang an klasse, denn wir konnten nicht nur diesen unglaublich breiten Strom bewundern, sondern auch Flussdelphine! Wahnsinn! Leichte Gänsehaut breitete sich bei dem Anblick der aus dem Amazonas elegant auftauchenden Tiere aus. Der Dschungel schien es gut mit uns zu meinen, denn auf dem Weg zu unserer Lodge, die gute zwei Bootsstunden entfernt in einem Seitenarm des Amazonas liegt, hatten wir an mehreren Stellen die Möglichkeit, noch mehr Delphine zu sehen.
1.Tag Iquitos Blog (6)
Langsam tuckerten wir vom Hauptfluss in Richtung der Lodge und schon jetzt wurde uns klar: Das werden mit Sicherheit drei geniale Tage. Wenngleich Mareike zwischendurch flüsternd ein paar Bedenken anmeldete: Wir waren nämlich die einzigen Passagiere, neben dem Guide, dem Bootsführer und einem Helfer, sodass die begründete Angst bestand, dass wir ganz allein auf der großen Lodge mit drei anderen Hanseln unser Dasein fristen werden.
Das dem nicht so war, konnten wir wenige Minuten später mit eigenen Augen erblicken, als wir am Dock unsere Lodge anlegten. Uns gefielen die Atmosphäre und die gesamte Anlage auf Anhieb: Von Dschungel umgeben erhoben sich die verschiedenen Häuser der Lodge auf breiten Bohlen einige Meter vom Boden. Das Haupthaus empfing uns mit einer sicherlich fünf Meter hohen, strohgedeckten Decke, komplett aus urigem Holz gezimmert. Entspannte Sessel und schummriges Licht luden direkt zum Hinsetzen ein und das Ganze in dem Wissen, von den Massen an Mosquitos nicht übermäßig genervt zu werden, denn jedes Haus der Lodge war mit breitflächigen Mückengittern ausgekleidet.


Es saßen bereits andere, wenn auch nur eine Hand voll, Gäste im Haupthaus und warteten anscheinend auf das Mittagessen. Nachdem wir eine kurze Einweisung in die Lodge bekommen hatten, betraten wir unser erstes Zimmer, in dem drei einzelne Betten standen. Wenig später durften wir in ein Zimmer mit Ehebett ziehen, jedoch war die Ausstattung an sich die Gleiche: Geräumige Aufbewahrungsmöglichkeiten, große Betten mit Moskitonetzen, ein Bad mit einer Toilette und einer Dusche. Das alles war zwar spartanisch, jedoch gleichzeitig urig und für die Umgebung ungeahnt luxoriös: Fließendes Wasser im Dschungel, was es nicht alles gibt. 😊

Voller Freude und glücklich machten wir uns auf ins Haupthaus um ebenfalls auf das Mittagessen zu warten. Was dann dort aufgetischt wurde, lies uns regelrecht das Wasser im Munde zusammenlaufen: Verschiedenstes Gemüse, gebratener Wels in feiner Tomatensoße, Reis und frittierte Bananen. Wir jubilierten und als der erste Bissen des glasig gegarten Fisches in unseren Mündern zerkaut wurde, liefen uns beinahe Tränen der Freude über die Wangen. Nachdem wir schweren Herzens mit vollen Mägen fertig gespeist hatten, hörten wir von der wenige Meter entfernten Rezeption her den Ruf „The apes are coming!“ und tatsächlich: Sieben kleine, süße Äffchen huschten über die Balken in den Raum und konnte mit Bananen gefüttert werden. Wir standen kurz vorm Overload, als die kleinen Affenhändchen die unseren bei der Bananenübergabe berührt hatten. Besser konnte es kaum kommen. Natürlich nur, wenn man vom Lodge-Papagei Paco absieht, der beinahe die gesamte Zeit über die Balken wanderte und in strahlendem blau und gelb die Blicke auf sich zog.
1.Tag Iquitos Blog (14)
Nach einer kurzen Mittagspause ging es zum nächsten Programmpunkt über: Dem Besuch eines indigenen Volkes, nahe der Lodge. Leider war das etwas, auf das wir im Nachhinein lieber verzichtet hätten. Denn schon als wir in das „Dorf“ eintraten war klar: Die Menschen wohnen hier überhaupt nicht. In der Mitte stand eine Art Versammlungshaus, das rundherum von kleinen Hütten gesäumt wurde, in denen bereits verschiedene künstlerische Erzeugnisse bereitgelegt wurden, die man nach einer kurzen Vorführung käuflich erwerben konnte. Wir zwei saßen dort wie Falschgeld, als die Dörfler mit Musikinstrumenten begannen einen Tanz einzustimmen und zwei Frauen uns bei den Händen fassten um die Musiker im Kreis zu umrunden. Das Ganze wirkte zwar schon irgendwie authentisch, aber gleichzeitig gestellt und in gewissem Maße ehrlos für das Volk. So als wären sie gezwungen, eine Art Charade zu spielen um dem reichen Westler vorzugaukeln, wie das Volk mitten im wilden Dschungel lebe. Oder vielleicht noch einmal anders ausgedrückt: Es wirkte so, als müsste krampfhaft die Illusion erzeugt werden, dass die Dörfler noch immer in Baströcken mit Blasrohren jagen gehen, obwohl sie in gewissem Maße mehr Anteil am westlichen Lebensstil haben, als sie dort vorgaben. Dies in Verbindung mit anschließenden semi-freiwilligen Kauf von kleinen Kettchen oder anderen Schmuckstücken hinterließ einen leicht bitteren Beigeschmack im Mund, als wir das Dorf verließen.
Nachdem wir durch den Dschungel zurück zum Fluss gewandert waren, stiegen wir in ein kleines Holz-Kanu, das Richard per Paddel in Richtung des Amazonas fahren ließ. Dies wiederum war ein einfach geniales Erlebnis: In aller Ruhe auf dem Fluss treibend die Flora und Fauna am Rand des Stroms beobachten, den Klängen des Dschungels lauschen und den leichten Wind um die Ohren wehen lassen. Ziel unseres kleinen Trips war ein Fischerdorf in der Nähe der Lodge, in dem uns Richard bei einem entspannten Spaziergang verschiedene Pflanzen, Früchte und Geschichten des Ortes näherbrachte.

Nach der ebenso erquicklichen Rückfahrt ließen wir uns nach kurzem Warten ein erneut fantastisches Abendbrot munden.
Der letzte Punkt des prall gefüllten Tages sollte eine kleine Nachtwanderung auf dem Gelände der Lodge sein um die zu dieser Zeit aktiven Tiere zu beobachten. Richard gab sich alle Mühe, jedoch konnten wir direkt auf dem Weg „nur“ unzählige extrem fette Spinnen in ihren Netzen begutachten, stets begleitet von einer Armada von Moskitos. Glücklicherweise hatte unser Guide noch ein kleines Ass im Ärmel: Kurz vor dem Ende der Führung geleitete er uns zu einem Loch im Boden, aus dem er eine waschechte Tarantel locken konnte. Aus nächster Nähe betrachtet war das schon ein ziemlich cooles Erlebnis. 😊

Glücklich und fasziniert von dem Dschungel, bereiteten wir im Lichte unserer kleinen Taschenlampen unserer Nachtlager vor. Um uns zirpte und raschelte es, dennoch betteten wir uns erschöpft zur Nachtruhe. Doch an Schlaf war zunächst noch nicht zu denken: Nach einigen Minuten rannten plötzlich mehrere kleine Tiere lautstark an unserem Zimmer vorbei und auch über uns auf dem Balken vernahmen wir klitzekleine Tatzen. Für fünf Minuten war es, als würde unser Zimmer einmal kräftig von einem Orkan durchgerüttelt werden – das so kleine Viecher einen solchen Tumult veranstalten können!
Ein wenig lauschten wir noch dem nächtlichen Leben der Tiere, dem Rauschen des Dschungels und leisen knarren unserer Hütte. Dann fielen wir in einen erholsamen Schlaf in unserer ersten Nacht im Amazonas.

2 Gedanken zu “Klimawechsel und das „Las Amazonas“-Drama – Teil 1 unserer Amazonas-Tour

  1. Hallo Mareike und Tobi, ich war selbst in Urlaub und habe jetzt Eure letzten drei Einträge im Zusammenhang gelesen. Ihr schreibt so bildhaft, dass ich bei dem Bericht aus den Anden eine Jacke übergezogen habe und mir am Amazonas einbilde, die Geräusche des Dschungels zu hören. Es ist so wunderbar abenteuerlich und unterschiedlich. Ihr werdet sicher ein Leben lang davon zehren. Ich freue mich schon auf Euren nächsten Bericht. Bleibt behütet, abenteuerlustig und fröhlich. Liebe Grüße, Heike <

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    • Hallo Heike,
      vielen Dank für deine Worte! Uns wurde selbst noch einmal warm, während wir den Eintrag über den Amazonas schrieben und in Erinnerungen schwelgten. Peru war wirklich ein ganz besonderes Land, gerade weil es so divers ist werden wir wohl auch noch lange davon schwärmen.
      Liebe Grüße,
      Mareike

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