Weinberg-Arbeit und Abschied aus Südamerika

Da Südamerika das Land der Fernbusse ist, bestritten wir unseren langen Weg aus der Atacama-Wüste mit einem rammelvollen Reisebus, in dem die ganz besonders Smarten sogar ganze Flatscreens mittransportierten – ein Schmaus für die Mitreisenden. Nach 12 Stunden Rumpeln und einem lebhaften Landschaftswechsel beim Eintritt nach Argentinien, liefen wir gegen 21 Uhr im Busbahnhof von Salta ein. Wir hatten uns ein relativ erschwingliches Zimmer im „Hotel Iris“ gebucht und uns blieb beinahe die Spucke weg, als wir das geräumige und Wohlfühlatmosphäre verbreitende Zimmer mit riesigem Bett in Augenschein nahmen.
Nach einer kurzen Rast drängten uns unsere Mägen noch in unseren vom Bus-Odeur durchtränkten Klamotten hinaus um erstens Geld abzuheben und im Anschluss zweitens sofort etwas Essbares zu kaufen. Da wir in der Nähe jedoch keinen Bankautomaten finden konnten, betraten wir einen Supermarkt, der gut 1,5km von unserer Unterkunft entfernt lag und erfragten, ob man hier auch mit Kreditkarte zahlen könne. Nickend versicherte der Angestellte uns, dass dies ginge und so schlenderten wir durch den Markt und packten Instantnudelsuppen in unseren Korb. An der Kasse angelangt wurde klar – es kann nur mit Kreditkarte gezahlt werden, wenn man eine Kopie des Ausweises dabei hat. Völlig entnervt auf Grund der Müdigkeit und des Hungers stapften wir grimmig, wobei besonders ich eine beinahe sichtbare, düstere Dragonball-Super-Sayajin-Aura um mich herum ausstrahlte, zurück zum Hotel und gleich wieder zurück zum Supermarkt, der in beinahe 5 Minuten schließen würde – der Securitymann ließ schon drohend die Schlüssel klappern. Wir konnten jedoch unsere Kassiererin erwischen und schmausten nach einem erneuten Fußmarsch endlich um 22.30 Uhr unsere Instant-Nudelsuppen. 😊
Am nächsten Morgen erwartete uns ein inbegriffenes, jedoch ausschließlich aus süßen Teilchen, Kuchen und süßen Cornflakes bestehendes Frühstück, das unseren Zahnärzten Tränen der Wut in die Augen hätte zaubern lassen. Wir erkundeten die Stadt, kauften Proviant und buchten unsere nächste Fahrt, die das bisher größte Brett in zeitlichen Dimensionen darstellen sollte: 20 Stunden Fahrt in die Weinstadt Mendoza. Uff.

Doch es half nichts, denn unser finales Ziel, eine zweiwöchige Arbeit auf einer Weinfarm in der Nähe der Stadt San Rafael, war nur über diese Route zu erreichen. So stiegen wir bereits einen Tag später in das Automobil, das uns über Wald und Flur geleiten sollte. Auf dieser Fahrt lernten wir, dass Obst in den verschiedenen Teilen der Welt eine echte Bedrohung ist: Um die Gefahr von Fruchtfliegen zu minimieren, gibt es bei Übergänge in andere Regionen verschiedene Check-Points, an denen man quasi seinen gesamten, mitgeführten Obstbestand wegschmeißen muss – auf jeden Fall gut zu wissen! Neben diesem Checkpoint verlief die Reise jedoch ruhig.

Unser Aufenthalt in Mendoza und San Rafael lässt sich ziemlich gut zusammenfassen: Wir erkundeten schöne kleine Stadtteile, sammelten Proviant und kochten uns unsere Mahlzeiten, lernten die Nachteile der argentinischen Siesta kennen (Arbeitszeit: 9 – 13 Uhr, 13 – 17 Uhr Siesta, 17 – 21 Uhr geöffnet), erblickten an jeder Ecke ein Asado-Angebot und fieberten auf den Beginn unserer „Workaway“-Erfahrung hin. Ein Asado ist übrigens eine für Argentinien typische riesige Fleischplatte bestehend aus Grillspezialitäten. 😊
Hier ein paar Mendoza-Impressionen:

Der atemberaubende Weg nach San Rafael:
Weg_San Rafaelklein

Am 01. September war es soweit und wir setzten uns, nachdem uns die Gastfamilie mit Informationen zum Erreichen der Finca versorgt hatte, in einen Linienbus am zentralen Busbahnhof. Als wir langsam die Ausläufer von San Rafael erreichten, stieg eine Meute von Kindern, die gerade aus der Schule kamen, in den Bus und beäugte uns zum Teil mit kompletter Verwunderung. Man fühlt sich schon seltsam, wenn einfach so ein Kind neben einem steht und einen unverwandt und verwundert anschaut – am besten noch mit offenem Mund. So ganz ungeniert. 😊 Da kann man schonmal rot werden!
Als der Punkt sich auf unserer Offlinekarte näherte, gingen wir zum Busfahrer um signalisieren, dass wir hier raus möchten. Der Bus hielt an, wir stiegen aus und uns umfasste eine angenehme Stille und das Bewusstsein, dass wir hier ziemlich weit ab vom Schuss sind. Dazu mal ein kleines, qualitativ „hochwertiges“ Video:

Als wir schon einige Meter auf der langen Sandstraße hinter uns gelassen hatten, sahen wir schon von Weitem unseren Arbeitgeber in Richtung des Tores laufen.

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Leo begrüßte uns mit einem herzlichen Hallo und führte uns sogleich in unser neues, zwar minimalistisches, aber gleichzeitig angenehmes Domizil, das mit einer Dusche mit heißem Wasser und auch einer Toilette ausgestattet war. Für die mussten wir zwar Spülwasser aus dem nahegelegenen Bächlein holen, aber das hatte auch etwas für sich: Da merkt man erstmal, was so eine Pumpe in deutschen Häusern so für Wassermengen fördern muss. 😊
Wir richteten uns ein, bezogen das Bett, schauten uns um und begrüßten schon einmal die drei genialen Hunde des Hofes: Vicky, India und Manchula. Schon die ersten Minuten ließen uns spüren: Das wird cool!

Und so wurden wir kurze Zeit später von Leo abgeholt, gebrieft und der Familie vorgestellt, die neben Leo aus seiner Frau Natalie und den drei jungen Burschen Paul (2), den Zwillingen  Sebastian und Thomas (0,5) besteht. Auf die Frage, ob wir gleich einmal zwei Stunden Schnupperarbeiten machen wollen, nickten wir freudig und wurden sogleich in eine unserer Hauptaufgaben dieser Zeit eingeführt: Dem Anbinden von Weinreben. Der Hintergrund dieser Arbeit liegt darin begründet, dass die Reben in ihrer Blüte durch die Frucht natürlich ungleich schwerer werden und demnach auf den Boden „fallen“ können, was der Frucht nicht guttut und auch das Weiterverarbeiten erschwert. Ergo werden die Holzpeitschen mit blauem Plastikband an den Drähten, an denen sich diese hochranken sollen, festgebunden.
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Am Anfang des nächsten Tages saßen wir um 7.30 mit Leo am Tisch, aßen Brötchen und selbstgemachte Marmelade und wurden auf die nächste Aufgabe eingestielt: Das Arbeiten mit der Ancharra, einer breiten, eisernen Hacke, die für diverse Arbeiten im Garten und auf dem Feld benutzt werden kann. Tolles Teil!
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Mit diesen Hacken säuberten wir einen der Zulaufkanäle, durch die das Wasser zu den Reben fließt. Ziemlich anstrengend, aber an der frischen Luft und in guter Gesellschaft wechselte sich konzentriertes Arbeiten mit spaßigen Gesprächen ab und ließ die ersten zwei Stunden unseres sechsstündigen Arbeitspensums im Fluge vergehen.
So verstrichen die ersten fünf Tage, in denen wir arbeiteten, gute Gespräche mit der Familie führten und uns immer mehr in den Ablauf der Farm integrierten – ein wohltuender Rhythmus nach den vielen verschiedenen Anlaufpunkten unserer bisherigen Reise. Zu einem absoluten Highlight wurden uns die zwei warmen Mahlzeiten neben dem Frühstück, die täglich frisch von Natalie und manchmal auch von Leo zubereitet wurden. Meine Herren, die konnte(n) vielleicht kochen! Beinahe jede Mahlzeit bestand aus einer Mischung von perfekt gewürzter, einfallsreicher und gesunder Kost. Da gab es von Mangold-Tarte mit Auberginen-Schnitzeln zum gefüllten Kürbis mit Reiß, Hackfleisch und Kürbisfleisch einiges, was wir in unser persönliches Rezeptbuch geschrieben haben. 😊
Am ersten Wochenende angelangt sahen wir uns mit unserer Freizeit und dem Umstand konfrontiert, dass wir die Küche an freien Tagen nicht benutzen dürfen. Dementsprechend legten wir uns den Plan zurecht, ein großes Wasserkraftwerk mit riesigem Damm und angeschlossenem schönen Stausee, das „valle grande“ zu besichtigen. Da wir ja noch im Winter unterwegs waren, war der Fahrplan dorthin dementsprechend löchrig: Täglich fuhren drei Busse vom nahe gelegenen San Rafael dorthin, um 7.20, 12.20 und 18.30 – es galt also den frühesten Bus aus dem Weinanbaugebiet zu erwischen um zumindest ein paar Stunden vor Ort zu haben, bevor der Bus zurück zur Stadt losfuhr. Wir standen also gegen fünf Uhr auf, liefen im Dunkeln und klirrender Kälte zur Bushaltestelle in der Nähe der Finca und warteten. Und warteten. Irgendwann, als die ausgeschriebene Abfahrtszeit verstrichen und der Anschluss an den Bus in San Rafael nicht mehr geschafft werden konnte gingen wir niedergeschlagen zurück zur Finca. Nur eine Minute später fuhr dann der Bus, mit imaginärem, ausgefahrenem Mittelfinger hinter uns in Richtung Stadt – so kanns gehen. 😊 Wir beschlossen also einfach nur so, etwas später in die Stadt zu fahren, Proviant zu kaufen und im Anschluss eine entspannte Zeit in unserem Zimmer zu verbringen – bei der Landschaft kein Problem:


Nach weiteren vier Tagen der Arbeit (einer fiel auf Grund des Regens aus), in der wir immer routinierter und im Gesicht brauner wurden, von den genialen Speisen gemästet und Lachtränen mit Leo und Nati gelacht während unserer Gespräche getrocknet hatten, kam unser letztes Wochenende auf der Finca in Sicht. Wieder ergriffen wir den Plan, das „valle grande“ zu besichtigen, doch das argentinische Buswesen schien sich gegen uns verschworen zu haben. Hier die Kurzfassung:
05.30 Uhr Aufstehen, 6.25 an der Bushaltestelle zur Abfahrtszeit, 20 Minuten warten, nach San Rafael fahren, Bus zum Tal um 7.20 verpassen, bis 12.30 in SF warten, zum Tal fahren und dort bis 19.45 Zeit haben zum Laufen und Anschauen. Alter Falter, wir befanden uns schon vor dem Mittag in halber Hackfleischform.
Im Tal und Staudamm angekommen, bewunderten wir die schöne Umgebung, den Fluss im Tal selbst und den Stausee hinter dem Damm.


Doch die Zeit wurde uns ehrlich gestanden schon etwas lang, denn neben der schönen Natur war zu dieser Zeit des Jahres so gut wie NICHTS im 2km Radius um den Damm herum geöffnet.

Irgendwie kriegten wir die gut sieben Stunden Aufenthalt jedoch auch herum, obwohl Mareike kurz vor Abfahrt mit einem Bein in ein kaputtes Gitter in der Nähe der Busabfahrt rutschte und mir einen gehörigen Schrecken einjagte – dat Mädel ey! Neben einem blauen Fleck passierte jedoch zum Glück nichts Schlimmeres. 😊
Da uns niemand per Anhalter zurück nach San Rafael nehmen wollte, stiegen wir in den Bus um kurz vor acht, speisten gegen 21.30 ein fettes Sandwich bei Subway und riefen uns ein Taxi zurück zur Finca.
Tags darauf stand der Abschied von unserer Finca-Familie, den Hunden und der tollen Farm an – da blutete das Herz schon ziemlich. Wir hatten die Zeit, die Menschen und die Tiere wirklich in unser Herz geschlossen so fiel der Abschied, nachdem uns die Familie waschecht auf der Ladefläche ihres Pickups zum Busterminal gebracht hatte, herzlich aus. Habt vielen Dank für diese tolle Zeit!

Dies stellte beinahe unsere letzte Etappe auf dem Südamerikanischen Kontinent dar, denn nach einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Chiles, Santiago, sollten wir, nichtsahnend was für ein Ärger uns am Flughafen noch bevor stand, nach Neuseeland. Doch zu diesem Fiasko mehr im nächsten Beitrag.

Die Zeit in Mittel- und Südamerika war extrem prägend mit seinen vielen positiven und wenigen negativen Erfahrungen. Vom kulturell herausfordernden Kuba ins heiße, Pyramidenbebaute Mexiko, über das grüne Costa Rica in die Berge und Regenwälder Perus, die Wüste Atacama in Chile und die Weinanbaugebiete in Argentinien haben wir schon so viel erlebt, dass es unsere Vorstellung und die Grenzen dieser Seiten komplett sprengt. Wir sind Gott so dankbar für diese großartige Erfahrung des Reisens und wir blicken den zukünftigen Monaten schon freudig und erwartungsvoll entgegen. Um es unseren Worten einem im Flugzeug getroffenen Mitreisenden nachzusagen: „Egal ob gute oder schlechte Erfahrung, die Hauptsache ist das Privileg des Reisens.“

4 Gedanken zu “Weinberg-Arbeit und Abschied aus Südamerika

  1. Das hört sich genial an. Ein Weltreise-Kochbuch haben wir auch:)! Freu mich auf ein gemeinsames Kochen daraus und Weltreise-Geschichten lauschen:)!
    Habt eine tolle Zeit in Neuseeland!
    Gottes großen Segen!

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