Herzstillstand und ein Land fast wie Heimat

20.09. – 28.09.2017

Der letzte Beitrag endete etwas effekthascherisch, jedoch war das, was uns da am Flughafen  in Santiago erwartete, tatsächlich einer der brenzligsten Momente unseres Lebens. 

Alles fing damit an, dass mir am Morgen des 18. September auffiel, dass wir bezüglich unseres Abfluges aus Chile einen Knick in unseren Gehirnwindungen hatten: Der Flug war für den 19. um 00.50 Uhr angesetzt und aus einem unerfindlichen Grund dachten wir die ganze Zeit, dass wir am Abend des 19. Zum Flughafen müssten und dann nachts losfliegen werden – es handelte sich jedoch um die Nacht zwischen dem 18. Und 19., sodass wir einen Tag weniger Zeit hatten als ursprünglich gedacht. 

Nachdem die erst Schwitzattacke überstanden war, lachten wir uns gegenseitig aus, da wir erstens unser Zimmer einen Tag zu lang gebucht hatten und zweitens für einen Tag mehr Zutaten für unsere Mahlzeiten eingekauft hatten – sicherlich haben wir jeweils ein Kilo Speck draufgepackt, um die ganzen Nudeln und Brötchen nicht wegschmeißen zu müssen.

Die Vorfreude und das Bauchkribbeln stiegen über den Tag exponentiell an und wir waren hibbelig. Planungstechnisch sahen wir uns auf der sicheren Seite, denn wir hatten uns ziemlich gut informiert, was die Einreise ins Land der Kiwis anging: Wir hatten unsere Wanderschuhe geputzt (wenn die dreckig sind und fremde Erde ins Land tragen könnten, gibt’s Ärger) und wir hatten sogar einen Flug aus Neuseeland heraus gebucht, da das in den Einreisebestimmungen festgehalten ist. Wir hatten an alles gedacht und doch wurden wir kurze Zeit später mit Macht auf den schmerzhaften Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Kurz vor neun Uhr abends kamen wir am Flughafen in Santiago an und hatten sogar noch ein wenig Zeit, bis der Check-In für unseren Flug aufmachen würden. Mit lächelnden Gesichtern schossen wir noch ein paar Selfies und stellten uns schließlich am Schalter an.

21.20 Uhr: Der Check-In klappte an sich problemlos bis zur ersten verhängnisvollen Frage dieses Abends, die sich ungefähr im folgenden Dialog entspann: „Können sie mir bitte die Ticket-Nummer ihres Ausflugs aus Neuseeland zeigen?“ „Klar, kein Problem, kleinen Moment bitte – hier, das ist die Bestätigungs-Mail des Fluges mit allen Nummern, die wir haben.“ „Hmmm, das ist leider nur die Buchungsnummer ihrer Agentur, ich brauche jedoch die Ticketnummer für jeden einzelnen von Ihnen, sonst können wir sie nicht an Bord lassen.“ 

21.40 Uhr: Nachdem wir uns langsam ein wenig ungeduldig werdend mit dem Starbucks-W-Lan zu verbinden versuchten und die Mails auf unseren Handys keine weiteren Nummern bezüglich des Ausfluges zeigten, zogen wir an einen Computer des Terminals um und riefen die verschiedenen Seiten der Fluggesellschaft und der Verkaufsplattform auf.

22.20 Uhr: Nach unzähligen Log-Ins und genauestem Hinschauen konnten wir noch immer keine Ticket-Nummer finden und das, obwohl wir den Flug bereits bezahlt hatten. Mit leichter Panik gingen wir abwechselnd immer wieder zum Schalter, bis wir zu einem Supervisor geleitet wurden, der kurioserweise aus Deutschland kam und mit Kräften versuchte, uns zu helfen. Er gab uns den Tipp, bei den Gesellschaften anzurufen, bei denen wir gebucht hatten. 

Fest stand in jedem Fall: Ohne Ticketnummer eines Ausreisefluges kein Flug nach Neuseeland. Es ist zwar sonst nicht unsere Art, aber wenn wir hier einmal von Zahlen sprechen wollen: Der Flug, der langsam in immer weitere Ferne rückte, belief sich auf über 1500€ und an diesem hing nicht nur ein ebenso bereits gebuchter Weiterflug im Inland, sondern auch die Ausleihe unseres Campers in Christchurch. Ihr könnt euch vorstellen, dass langsam die Schweißperlen auf unsere Stirne traten.

22.40 Uhr: Nachdem wir bei unserer Buchungsgesellschaft UND der Fluggesellschaft angerufen hatten, kam die furchtbare Erkenntnis: Unverständlicherweise existiert keine Ticketnummer bei dieser Fluggesellschaft. Herzstillstand.

22.50 Uhr: Hans, der Supervisor, stand kurz vorm Feierabend und gab uns den Rat, einen neuen Flug zu buchen um von diesem die Ticketnummer zu benutzen. Mareikes Rucksack war schon eingecheckt, also hatten wir noch circa 40 – 50 Minuten Zeit, an eine richtige Ticketnummer zu kommen, oder aber das Gepäck zurückzurufen und in unseren Tränen zu ertrinken. Noch hatten wir nicht aufgegeben.

23.10 Uhr: Nachdem wir versucht hatten, den Dienst des „Ticketmietens“ in Anspruch zu nehmen, durch den man temporär ein Ticket erhält (ohne jedoch damit Fliegen zu können) und wir auch hier keine Ticketnummer erhalten hatten, wurde es langsam brenzlig.

23.20 Uhr: Mit zittrigen Fingern und drei hinter uns wartenden Leuten hackten wir hochkonzentriert unsere Daten bei einem anderen, viel teureren Fluganbieter ein ohne zu wissen, ob wir für das Geld tatsächlich auch eine Ticketnummer bekommen – der Check-In würde um 23.40 schließen. Nachdem in der Eile beim ersten Buchungsversuch ein Fehler unterlaufen ist, müssen alle Daten noch einmal von vorne eingegeben werden – die Uhr tickt unaufhörlich. 

Wenige Minuten später kommt die Bestätigung des Ticketkaufs an, jedoch ohne Ticketnummer – die kommt erst mit dem richtigen Ticket. In der Mail steht, dass dies bis zu 24 Stunden dauern kann – uns stehen Tränen in den Augen und das Herz schlägt wie das einer Beutelratte, die Aug in Aug mit einem Adler steht. 

23.25 Uhr: Ich renne zum Check-In-schalter und versuche flehend in einem Englisch-Spanisch-Mix die anwesenden Mitarbeiter zu beschwören, uns irgendwie in den Flug zu bringen und in die Spalte mit der Ticketnummer einfach irgendetwas einzutragen. Sie versuchen wirklich uns zu helfen, aber weiter kamen sie trotzdem nicht wirklich. Währenddessen steht Mareike am Computer und aktualisiert sekündlich das E-Mail-Postfach. Vom ganzen Haareraufen und Mütze auf- und wieder absetzen habe ich sicherlich schon 1/3 meines ohnehin spärlicher werdenden Haares eingebüßt.

23.37 Uhr: Noch drei Minuten bis zum Schluss des Check-In Schalters und eigentlich gibt es keine Möglichkeit mehr, Mareikes Rucksack zurückzubekommen – die Hoffnung darauf, noch an Bord zu kommen ist fast schon verloschen, das letzte Stoßgebet abgeschickt, als Mareike mit zittrigen Händen und Tränen in den Augen zum Schalter eilt: „Die Tickets sind angekommen, ich hab die Nummern…“ Die Dame am Schalter ist ebenfalls sichtlich erleichtert und sagt nur „Jetzt ist alles gut, sie können sich entspannen.“.

Mit zwei Flügen aus Neuseeland heraus und einem Rucksack voller Tränen, Verwunderung, Dankbarkeit und gleichzeitig Wut und Unverständnis sowie einem schmerzlich erleichterten Geldbeutel eilen wir zum Gate und schauen ab und an nach oben in den Himmel: Das hätte wirklich nicht sein müssen, Herr. :p 

Auf diesen Schock kauften wir uns zwei Schokoriegel, setzten uns an Bord und waren sogleich vom bisher noch nie erlebten Luxus des Flugzeuges überwältigt: Decke, Kopfhörer, Kissen, Schlafmasken, Hollywood-Blockbuster-Filme am eigenen Flatscreen-Bildschirm – alles kostenlos. Die 12 Stunden bis nach Auckland vergingen demnach tatsächlich wie im Flug und die unglaublichen emotionalen Strapazen waren fürderhin schnell vergessen. Wie bestechlich so ein Gefühlskostüm doch sein kann – kostenlose Snacks und Schlafmasken und schon ist alles nur halb so schlimm. 😊 Ich muss jedoch gestehen, dass dieses Erlebnis Spuren hinterlassen hat – selbst beim Schreiben zogen sich mir noch einmal die Eingeweide zusammen.
Nach einem entspannten Aufenthalt im Flughafen von Auckland und dem überwältigend positiven Gefühl, so gut wie alles, was da gesprochen wird verstehen zu können, war unser Geldbeutel durch eine neuseeländische Sim-Karte und diverses Fast-Food bereits geschrumpft. Nichtsdestotrotz waren wir selig, denn wir hatten es geschafft: Unsere Füße waren auf neuseeländischem Boden gelandet. Hierbei mussten wir jedoch eine penible Durchleuchtung, einerseits ALLER Inhalte unserer Rücksäcke über uns ergehen lassen und andererseits – und das verwunderte uns sehr – ziemlich persönliche Informationen unseres Lebens preisgeben. Wann wir uns kennengelernt haben, wann geheiratet wurde, wen wir hier und dort kennen, was diese Person arbeitet, wo wir langfahren, was wir gearbeitet haben, wann unser Flug aus Neuseeland geht (hier konnten wir doppelt auftrumpfen), wobei noch einmal ungefragt durch die Bilder in unseren Handys geswiped wurde – der BND ist ein Witz dagegen. Da wir aber gerne ins Land der Hobbits einreisen wollten, nahmen wir es mit einem Lächeln und waren einfach nur froh, tatsächlich dort sein zu können.
Dass dieser Frohsinn begründet war, zeigte sich nicht nur in unserer tollen Unterkunft in Christchurch, die von einem sehr freundlichen Asiaten namens Patrick geführt wurde, der Mareike als „very beautiful Girl“ titulierte und deutlich machte, wie toll er uns und besonders Mareike findet. Ein bisschen creepy aber hauptsächlich lustig. 😊

Wir holten tags darauf unseren Camper ab und waren über dessen Ausstattung und Zustand glückselig – auch wenn der gute VW T5 schon 420.000 Kilometer runter hatte, machte er einen Top-Eindruck und schnurrte wie ein Bienchen. Vom Moment an, in dem wir in unser fahrbares Zuhause für die nächsten fünf Wochen stiegen, hatte uns Neuseeland in seinen Bann gezogen.

Obwohl der Linksverkehr zu Beginn besonders anspruchsvoll war, fuchsten wir uns schnell ein und brausten mit unserem Bully durch die kurvigen und aufregenden Straßen im Süden des Inselstaates. Bereits unser erster landschaftlich wertvoller Anlaufpunkt, das Hafenstädtchen Akaroa, welches auf einer bergig-grünen Halbinsel südlich von Christchurch liegt, verschlug uns im Sekundentakt den Atem. Die anschließende zwar lange, jedoch malerische Fahrt an den berühmten Lake Tekapo zementierte unseren ersten Eindruck von Neuseeland: Diese Inseln wecken pure Emotionen. Wenn sich nichtsahnend nach einer Biegung ein riesiges Panorama mit Bergmassiv, Wald und Fluss im Wechselspiel zwischen Regenwolken und gleißendem Sonnenlicht eröffnet, kann man die Ergriffenheit, die man angesichts dieses Ausblicks spürt, nicht zurückhalten. Ich gebe es zu: Es flossen Tränen, einfach weil es hier so entrückt schön ist – bei Mareike und mir. Die schiere Ambivalenz der Südinsel, die in einer Taktzahl zwischen maritimem Flair mit mediterranem Einschlag, südamerikanisch anmutenden Ebenen mit Gebirgsmassiven, afrikanisch daherkommenden Bachläufen mit schnörkeligen Bäumen und moosbewachsenen, düsteren Wäldern, die direkt aus Kanada importiert sein könnten, hin- und herpendelt, ist auf dieser Welt wohl einmalig. Was für ein übergroßes Privileg, hier sein zu dürfen – wir sind mit Dankbarkeit erfüllt!

Neben den unzähligen Stopps für Fotos am Wegesrand gab es schon ein bis zwei Natur-Attraktionen, die uns fast von den Füßen gehauen haben. Da wäre zum Beispiel „Jacks Blowhole“ zu nennen, eine Art riesiges Loch im Boden, das in 55 Metern Tiefe eine Verbindung zum anliegenden Meer besitzt, in dem stetig die kolossalen Wassermassen gegen die Felswände donnern. Das Ganze verbirgt sich jedoch versteckt nach kurzem Fußmarsch zwischen Schafswiesen – nichts lässt erahnen, was einen dort erwartet. 

Ebenso wie das plötzliche Panorama der Sandstrände der „Catlins“, einem Nationalpark-Gebiet im Süden der Insel, das uns an den Rand der Straße trieb und beinahe fassungslos in die Weite der Küste blicken ließ.

Für den Rest der schon jetzt bis ans Ende unseres Lebens bleibenden Eindrücke wollen wir einfach ein paar Bilder hochladen – die sagen sowieso mehr, als man schreiben könnte. 

– von Tobi 

6 Gedanken zu “Herzstillstand und ein Land fast wie Heimat

  1. Ach Mensch, auch die ausführliche Version eurer Odyssee am Flughafen treibt immer noch Angstschweiß auf die Stirn und Tränen in die Augen…Umso mehr freuen wir uns für euch, dass ihr es trotzdem geschafft habt in so einem tollen Land angekommen zu sein. Die Bilder sind wieder so einmalig geworden. Großes Kompliment auch an die Fotografen 🙂 Habt viel Spaß mit eurem kleinen VW-Bus! Wir denken an euch! :-*

    Liken

    • Vielen Dank ihr Lieben – einerseits für das treue Mitfiebern und aber natürlich auch für die Komplimente – ma gebn uns rädlich Mühe. 🙂
      Wir denken natürlich auch an euch – liebste Grüße und Drückerlis nach Berlini!

      Liken

  2. Hab mir gerade mal die letzten vier Blogeinträge in der ruhigen Lernstimmung der Staatsbibliothek reingedonnert. Talk about procrastination.. 😀
    Hammer Erlebnisse und Herausforderungen, tolle Bilder – Macht sehr Spaß das zu lesen. Ihr erlebt so viel, dass es mich eigentlich nervt, weil hier jeder Tag recht ähnlich daherkommt. hah

    Liken

    • Johoho, die Bibliothek lädt zum procrastinaten aber leider auch ganz besonders ein. 😀 Genial, dass dir die Bilder und die Beiträge so gefallen – da freuen wir uns riesig!
      Das Genervtsein kann ich natürlich verstehen, aber lass dir gesagt sein: Ein Alltag ist auch was schönes. 🙂

      Liken

  3. Wow 😍, einfach nur wow. Unglaublich wunderschöne Fotografien.
    Mein Herz raste beim Lesen der Odyssee am Check -in,wurde jedoch beim betrachten der Bilder gleich etwas ruhiger. Ich würde so gerne, wenn ihr wieder wohlbehalten in good old germany angekommen seit, so gerne eine Foto DVD erwerben 🙂
    Euer schreibstil ist echt famos, ich amüsiere mich immer köstlich beim Lesen. Ihr solltet Bücher mit Geschichten schreiben, es liest sich einfach wunderbar!
    Seit ganz lieb von uns Vieren aus Dresden gegrüßt und gedrückt 🙂

    Liken

    • Juhu Stephie! 🙋
      Meine Herren, welch ein Feedback, welch ein Lob – hab vielen Dank dafür! 😄
      Mit der DVD lässt sich bestimmt was drehen, wenn wir wieder da sind. 🙂

      Ganz liebe drückerlis und Grüße an euch zurück! 😄

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s