„Christ for Asia“ – Ein ganz besonderer Start auf den Philippinen

Unser Ankommen in die Philippinen war angenehm stressfrei und wir waren extrem dankbar dafür. Wir wurden nämlich noch spät in der Nacht von Jonas, einem Kumpel aus Sommercamp-Tagen, abgeholt, der hier bei der Organisation „Christ for Asia“ ein FSJ absolviert. Kurz „CFA“ genannt, hat im Kern die Vision Straßenkindern die Weichen für ein besseres Leben zu stellen und ihnen vom Glauben zu erzählen. Das realisieren sie durch ein Kinderheim, eine Schule und diverse Projekte, wie dem so genannten „Feeding“, also der Essensausgabe in sozialschwachen Gebieten der großen Stadt Cebu.


Jonas sackte uns also vom Flughafen ein, kümmerte sich um die Taxifahrt und geleitete uns in unser Domizil für die nächsten Tage, in dem wir einerseits eine gute Zeit mit Jonas verbringen und andererseits die Organisation kennenlernen wollten. Wir blickten der Zeit spannungsvoll entgegen und fühlten uns sofort wohl, wurde für uns doch extra ein Doppelstockbett auseinandergebaut, damit wir nebeneinander einschlafen konnten – einfach genial. Ein Willkommensgruß bestehend aus einer Karte und getrockneten Mangostreifen (die einfach deliziös waren) rundeten das Ankommen ab.
Wir lernten schon am ersten Tag den gesamten FSJler-Stab kennen, ebenso wie deren Ansprechpartnerin Esther, die bereits seit über 20 Jahren die Organisation in Cebu mit aufbaut. Kurzum gesagt hatten wir es mit einer Menge von extrem tollen Menschen zu tun, die uns nicht nur gern mit in ihre tägliche Arbeit hineinnahmen, allen voran natürlich unser Jonas, sondern auch in Gesprächen viele gute Impulse für unsere Reise und unseren Glauben mit auf den Weg gaben. So lernten wir durch sie manche Dinge über die Menschen auf den Philippinen aus nächster Nähe kennen, Dinge, von denen wir nie etwas mitbekommen hätten, hätten wir nicht diese Einsicht in das Treiben abseits vom Touristenstrom erhalten. Nur als Beispiel brachte uns Jonas bei, dass Philippinos sich oft mit einem Hochziehen der Augenbrauen und einer Art Nicken begrüßen – wenn man das einmal weiß, geht man ganz anders durch die Straßen Cebus – nämlich sehr oft augenbrauenhochziehend und nach hinten nickend. 😊 Auch Jeepney fahren, lokale Märkte besuchen und den Nachmittag in einer der RIESIGEN Malls verbringen gehörte zum Cebu-Pflichtprogramm, in dem wir die Stadt mehr und mehr kennenlernten


Cebu ist hierbei an sich allerdings ehrlich gesagt nicht wirklich ein Juwel. Viel mehr ist es chaotisch, laut, unglaublich vermüllt, voll mit Menschen und hat nur wenige touristisch attraktive Anlaufpunkte. Neben diesem kosmetischen Daumen-Runter, herrscht in der Metropole auch besondere Not auf den Straßen, die wir beim bereits angeschnittenen Feeding am eigenen Leib spüren konnten: Nachdem das Essen in der CFA-Zentrale vorbereitet wird, wird alles ins Auto verfrachtet und ein paar festgelegte FSJler plus im Kinderheim angestellte Philippinos düsen zu zwei Punkten in der Stadt, an denen Straßenkinder (und aber auch Erwachsene) beköstigt werden.

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Bei dem Feeding, für das Jonas eingeteilt wurde, konnten wir in allen Teilen mit dabei sein. War das Kochen im Kinderheim an sich noch heiter und spannungslos, wurde uns schon etwas komisch, als wir in den Bus stiegen. Wir wurden zwar gebrieft, wie der Ablauf sein würde und was genau passiert, aber was das für einen Eindruck das Ganze auf uns machen würde – das wussten wir natürlich noch nicht.
Bevor es nämlich etwas auf den Teller gibt, wird mit den Kindern gespielt, hochgeschmissen und auf dem Arm gehalten, es gibt ein paar Lieder und ein kleines Programm. Hört sich das in der Theorie noch ganz einfach an, hatten wir schon mit einem Kloß im Hals zu kämpfen, als wir die die Kinder auf den Bus zulaufen sahen. Die Türen gingen auf und ein Geschrei ging los: Schmutzige, abgerissene Kinder, die sich auf ein bisschen Spielen und eine Mahlzeit freuen. Es mag ein wenig verquer und abgehoben klingen, aber ich beschreibe hier einfach mal ein bisschen ungefiltert: Über den Kids und auch der Gegend lag ein ungewaschener Geruch nach Mensch, den ich wohl nie vergessen werde – ganz speziell und ehrlich gesagt ziemlich unangenehm. Das war uns jedoch in diesem Moment nicht so gegenwärtig wie im Nachhinein. Als wir nämlich ausgestiegen waren, gab es keine Zeit für Berührungsängste, denn nach Sekunden hatte jeder schon drei Kinder auf Rücken und Armen, hopste und lachte – fast ein bisschen paradox, gleichzeitig aber auch ganz natürlich in dieser Situation.

Alle paar Sekunden sprang ein anderes Kind ans Bein (und bei mir besonders an den Bart – ja, es hat genervt ^^) oder hing sich ans Shirt: ein wahrhaftes Gekloppe um Aufmerksamkeit, bei dem sich die Kinder auch untereinander Zucker gaben. Während wir mit den Kindern um uns herum spielten, schweifte der Blick natürlich auch nach links und rechts unseres Feedingplatzes. Wir befanden uns auf einem Basketballplatz, extrem laute Musik spielte im Hintergrund, es war voll mit Menschen. Einen Steinwurf entfernt lag ein halbnacktes Baby auf einer Pappe auf dem Asphalt und döste vor sich hin. Wir erfuhren, dass hier viele Kinder halb- oder auch komplett nackt herumlaufen, weil sich die Eltern einfach keine Kleidung leisten können – da muss man schon mehr als schlucken.
Nachdem wir schon nach 15 Minuten komplett durchgeschwitzt und völlig fertig waren, wurde die Musik zum kleinen Mitmachprogramm für die Kinder eingeläutet und wir hatten Zeit uns bis zur Essensausgabe zu erholen. Von Eindrucksverarbeitung kann man hier noch gar nicht sprechen – das passierte dann alles erst im Nachhinein. Uns selbst ging es in der Situation gut, ein bisschen überfordert, aber gut – der Kopf ist durch die vielen Kinder und die Reizüberflutung ja ordentlich abgelenkt. Im Nachhinein haben sich diese Bilder aber natürlich zu Fragen über uns und unsere Reise verdichtet: Was ist Gerechtigkeit? Dürfen wir vor einem solchen Hintergrund der Armut überhaupt so etwas wie eine Weltreise machen oder ist das verwerflich? Müssten wir die Reise nicht eigentlich sofort abbrechen und alles spenden? Was können wir tun, um ein bewussteres Leben, auch im Hinblick auf unsere unglaublich privilegierte Position in Deutschland, zu leben? Es schlagen so viele verschiedene Emotionen und Herzen in der Brust, dass sich auf die meisten Fragen keine Schwarz-Weiß-Antwort finden lässt.

Nachdem das Programm geendet hatte, begann die Essensvergabe, zu dem jedes Kind sein eigenes Geschirr mitbringen musste – manche kamen einfach mit einer Plastiktüte als Teller.

Nach diesem Punkt, wurde wieder eingepackt und der nächste Feeding-Spot angefahren, bei dem es jedoch um einiges ruhiger als beim ersten zuging. Das Programm wiederholte sich, wobei die müden Arme nur noch halb so viele Kinder hochschmeißen konnten – zum Abschluss fuhren wir zurück ins Kinderheim.

Diese Erlebnisse, die vielen Infos über die Kinder und deren Background von Jonas und Co., die krassen Gegensätze in der Stadt (z.B. ein Superhotel neben Wellblechhütten) haben in uns viele Gedanken angestoßen und Stoff für etliche Gespräche kurz vorm Schlafengehen geliefert, in denen wir einen Haufen der oben angeschnittenen Fragen diskutierten. Die Zeit bei CFA ging jedoch langsam zu Ende und so packten wir die Fragen und Gefühle in unseren emotionalen Rucksack, nahmen sie mit uns und bestiegen nach zwei Wochen intensiver Zeit und einem schon wehmütigen Abschied von Jonas und der CFA-Gang die Fähre auf die Insel Bohol.

Dort angekommen bezogen wir unser Quartier in Laufnähe des Hafens und verlebten ein paar ruhige und schöne Tage geprägt von einem Wechsel aus Großstadt, Rollerfahren und Inselerkunden.


Nach vier Nächten zogen wir per Bus weiter östlich in die Stadt Jagna, die, wie wir schnell feststellten, nicht sonderlich touristisch erschlossen ist. Dies äußerte sich nicht nur in dem Umstand, dass es keinen Rollerverleih in der Nähe gab, sondern auch nur drei verzeichnete Restaurants, von denen eines geschlossen, das andere außer Reichweite und das dritte ein günstiger Pizzaladen darstellte, den wir nun beinahe einmal pro Tag konsultierten. 😊


In unserer Unterkunft mit tollem Blick auf ein Reisfeld weilte ab und an ein sehr freundlicher Kanadier, Ben, der ins in Zusammenarbeit mit der Besitzerin am nächsten Morgen in eine 30km entfernte Ortschaft fuhr, in der wir für einen eklig hohen Preis einen guten Roller mieteten, der uns sicher in entlegene Ecken der Insel brachte. Mit unserem fahrbaren Untersatz stand dann selbstverständlich Inselerkunden und Wasserfall-Gucken auf dem Plan:

Ein besonderes Highlight war ein Besuch bei den so genannten „Chocolate Hills“, also Hügeln, die zu bestimmter Zeit, nämlich zum Sonnenaufgang, schokoladenbraun gefärbt sein sollen – ein Must-See, wenn man auf Bohol unterwegs ist. Da wir jedoch 50km entfernt nächtigten, klingelte der Wecker eines Morgens um 3.30 Uhr um pünktlich gegen kurz vor 6 auf einer Anhöhe den Sonnenaufgang beobachten zu können. Wir huschten aus den Zimmern und standen vor unserer ersten, unerwarteten Hürde: Die schmiedeeisernen Tore der Unterkunft waren mit einem Vorhängeschloss versiegelt und forderten uns so einige Akrobatik ab: Wir mussten über eine Mauer in Richtung Reisfeld klettern, wobei wir die Besitzerin aufweckten, als wir mit dem Hintern auf der Mauer hingen – oh Mann. 😊 Wir kamen jedoch rechtzeitig zu unserem Moped, warfen das Fernlicht an und knatterten in die dunkle und vor allen Dingen ungeahnt kalten Nacht den Berg herauf. Unterwegs wurde es immer kälter, aber gleichzeitig war es auch eine ganz besondere Stimmung: Wir ließen nebenbei Jack Johnson laufen, umarmten uns fest und waren ganz allein auf der Straße. Der Sternenhimmel ging langsam in zartes rot über und pünktlich zu den ersten Strahlen der Sonne standen wir schnaufend auf dem Ausguck – es wurde am Ende dann doch ganzschön knapp :p Es hatte sich jedoch mehr als gelohnt:

Während unserer Zeit auf Bohol lernten wir einmal mehr die ansteckende Freundlichkeit der Philippinos kennen. Manchmal schwangen wir uns einfach auf den Roller und fuhren abseits der Hauptstraße durch kleine Dörfer, wobei wir alle 10 Meter von jemandem gegrüßt wurden, besonders von den Kindern. Nach 10 Minuten ist da alle schlechte Laune gewichen und man fährt lächelnd und winkend wie ein freudiges Hündchen durch die Gegend – das ist richtig wohltuend und etwas, das wir in der guten alten Heimat bestimmt vermissen werden. Die Menschen sind auf dem Inselreich (zumindest dort, wo wir unterwegs waren) gelassen, freundlich und hilfsbereit. Von Region zu Region unterschiedlich wird man als Weißer aber auch beinahe ehrfürchtig beäugt – ziemlich unangenehm. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass man im Gespräch nur geduckt angeschaut und nur mit wenigen Worten geantwortet wird. Auf offener Straße wird man, besonders in etwas untouristischeren Regionen jedoch regelrecht angegafft. 😊
Was uns manchmal einen Strich durch die Rechnung gezogen hat, war das Essen: So wie überall auf der Welt findet man auch auf den Philippinen gutes Essen, jedoch wird generell extrem viel frittiert oder in Öl geschwungen, sodass man immer eine ungesund hohe Ladung an Fett zu sich nimmt. Hierbei gibt es immer Reis, viel fettiges und knurpsiges Fleisch und eher wenig Gemüse. McDonalds und die hier extrem weit verbreitete Kette Jolliebees (die neben Burgern auch Reis und Nudeln verkauft) stehen GANZ hoch im Kurs – da ist es immer gerappelt voll.
Zudem ist beinahe jedes Brötchen, jedes Brot, JEDE Teigware (mit Ausnahme von Mehrkorntoastbrot aus dem Supermarkt) zumindest in einem kleinen Quäntchen süß – da kriegt man irgendwann echt einen Koller und will den Brötchenbeutel direkt nachdem Einkauf in die Tonne pfeffern, auch wenn die Teilchen quasi nichts kosten.
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Von diesem kleinen Exkurs in die Küche des Inselreiches führte uns nach 4 Tagen in Jagna unser Weg auf die nächste Insel, Siquijor. Von unseren dortigen Erlebnissen und wie es für uns weiterging, berichten wir im nächsten Blogeintrag. 😊

2 Gedanken zu “„Christ for Asia“ – Ein ganz besonderer Start auf den Philippinen

  1. Oh, wie schön dass ihr so eine gute Zeit bei CFA hattet. Da werde ich gleich ganz wehmütig:)! Das Essen auf den Philippinen ist wahrlich nicht der Knaller;)! Euch noch eine gute Zeit!
    Alles Liebe!
    Karo

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