Tokio – eine Stadt der Superlative

Ich muss gestehen, dass ich fast schon aufgeregt wie ein kleiner Junge war, als wir in den Flieger Richtung Tokio einstiegen. Das was für Mareike Australien war, war für mich das Land der aufgehenden Sonne: Ein Sehnsuchtsziel.
Als Bursche hatte ich ein „Was ist Was?“-Buch über die Samurai bekommen und fand deren Schwerter und Rüstung plus die sie umgebenden Mysterien schon damals einfach cool. Es folgte ein zugegebenermaßen relativ nerdiger Werdegang, in der durch diverse Computerspiele, Animes aus Japan und ein vom Konfirmationsgeld erworbenes Katana, das jetzt im Schrank vermodert, ein Grundstein für verschiedenste Kindheits- und Jugenderinnerungen gelegt wurde, die mich noch heute in nostalgisches Schwelgen zurückbringen. Nun sollte es ins Ursprungsland dieser ganzen Erinnerungen gehen und ich war einfach glücklich. 😊 Passenderweise wuchs Mareikes Vorfreude auf das Land auch immer mehr, sodass auch sie fast so hibbelig wie ich im Fliegersessel saß.
Nach einem entspannten Flug liefen wir aus dem Arrival-Bereich in die Eingangshalle und besorgten uns neben günstigen Metro-Tickets den ersten japanischen Snack, „Onigiri“. Das sind Reisbälle, die zumeist dreieckig geformt mit Seetang umhüllt und mit verschiedensten Sachen gefüllt sind. Der erste Biss in diese einfache Köstlichkeit sendete uns einen kulinarischen aber auch symbolischen Gruß aus der Zukunft: Oi oi Leute, das wird hier richtig gut und richtig lecker!
Es wurde jedoch zuerst einmal eines: Empfindlich kalt. Fühlten wir uns auf den Philippinen noch wie in einer Bratpfanne sitzend – sicherlich bei 33 Grad und mehr – empfing Tokio uns mit 5 Grad, grauem Himmel und Nieselregen. Mit vier Lagen und völlig ungewohnten, langen Beinkleidern, stiegen wir in einen Bus der uns zur Tokyo-Station bringen sollte.
In der japanischen Hauptstadt wollten wir auf Grund der schmerzhaft hohen Unterkunftspreise einmal das berühmte Couchsurfen ausprobieren und hatten dahingehend im Vornherein schon viele Hosts um ein Lager gebeten – nachdem es zu Beginn Absage um Absage regnete, sehe ich es als Geschenk des Himmels an, dass uns Ankit zugesagt hatte.
Ankit ist ein Inder, der schon seit längerem in Tokio arbeitet, super englisch spricht und uns eine sagenhafte Gastfreundschaft hat angedeihen lassen: Wir durften nicht nur über unseren GESAMTEN Tokio-Aufenthalt kostenlos bei ihm bleiben, sondern auch Aufstrich, Haferflocken etc. klauen – er nötigte uns fast schon dazu. 😊 Wieder einmal waren wir mit dieser genialen indischen Mentalität konfrontiert, bei der man sich ständig folgende Fragen stellt: Boah, kann ich das überhaupt annehmen? Wie kann ich das bloß wieder gut machen?
Um diese Fragen zu klären hatten wir jedoch mehr als genug Zeit und so wurde Ankits Wohnung (seine japanische Freundin Mayumi wohnte überdies auch dort) zu unserem Dreh- und Angelpunkt um Tokio zu erkunden.
Die Ausflugsziele und Eindrücke sind dabei so zahlreich, dass dieses Mal in der Beschreibung eher kategorisch als chronologisch vorgegangen wird – sonst kriegen meine Synapsen beim Schreiben einen Koller. 😊 Ich probiere dabei, gerafft zu beschreiben – man könnte sicherlich über jeden Stadtteil eine gesonderte wissenschaftliche Abhandlung verfassen.
Angemerkt sei hier noch, dass wir uns in Tokio haben mehrfach mit Jens und Christina getroffen haben, einem deutschen Paar, das wir in Australien kennengelernt haben. Wir haben zusammen Shibuya, Kamakura und Yokohama unsicher gemacht, dazu jedoch gleich mehr.

Akihabara

Akihabara ist der Name eines Stadtteils, der für seine Technik- und Anime+Manga-Kaufhäuser bekannt ist – ein absolutes Pflichtziel für jeden, der einmal in Tokio gewesen ist. Der Besuch eines solchen Kaufhauses lässt sich so, wie ehrlich gesagt auch einige andere Erlebnisse in Tokio, folgendermaßen beschreiben: Wenn man aus jeder existierenden Haribo-Kreation einmal in die Tüte greift und alles in einem Rutsch in den Mund stopft, kriegt man ein Gefühl dafür, was Akihabara mit einem anstellen kann: Ein Sinnes-Overload.
Laute Musik, blinkende Lichter, 8 verschiedene Etagen die gefühlt bis zur Decke mit Figuren, Büchern und/oder Technikkrams vollgestopft sind. Wenn man Japanisch lesen könnte, würde man hier bestimmt stundenlang festhängen, aber auch so war es ein sehr eindrücklicher Besuch. Wir waren insgesamt glaube ich zweimal dort und das hat uns und unseren Netzhäuten dann auch erst einmal gereicht.

 

Shibuya

In diesem Viertel gibt es nicht nur viele Bars und Restaurants, sondern insbesondere die weltberühmte Shibuya-Kreuzung. Zu Stoßzeiten wechseln hier tausende von Menschen die Straße und das ohne sich gegenseitig totzutrampeln – man fragt sich des Öfteren, wie das überhaupt von statten geht. 😊 In jedem Fall ist es jedoch ein Touristenmagnet und beliebter Treffpunkt für jedermann und daher zu fast jeder Tageszeit voll.

 

Shinjuku

Innerhalb dieses Stadtteils haben wir verschiedene, ziemlich interessante Dinge besucht. So waren wir ganze zwei Mal auf dem kostenlos befahrbaren Aussichtstürmen des Metropolitan Government Buildings, von dem aus man durch große Fenster in luftigen Höhen einen sagenhaften Blick auf die gesamte Stadt erhält:


Gar nicht weit davon entfernt haben wir uns einen Besuch im Samurai-Museum gegönnt, wo wir genau zum richtigen Zeitpunkt zu einer geführten Tour und einer Schwerter-Vorführung aufschlugen. Mein „Was ist was“-Wissen kannte natürlich schon einige der gezeigten Bilder und Erklärungen (höhö), jedoch gab es auch einen Sack voll neuer Erfahrungen:


Ein weiteres Superlativ in dieser Stadt der Superlative im Stadtteil Shinjuku ist der „Golden Gai“, eine Art Sub-Viertel, dass AUSSCHLIEßLICH aus minikleinen Bars besteht. Wir waren auf Ankits Rat hin einmal mit Christina und Jens dort, wobei wir uns in einer der muckeligen Kaschemmen ein Bier gönnten. Beim durchstreifen stolperten wir über mehrere Bars, in denen nur vier Personen sitzen konnten – einfach außergewöhnlich. So reihte sich Bar an Bar und bildet damit den Komplex mit der höchsten Bar-Dichte der Welt.

 

Odaiba

Die menschengemachte Insel Odaiba liegt schon ziemlich weit außerhalb Tokios, wurde jedoch trotzdem von uns vieren angesteuert und beschaut. Zusammen mit Christina und Jens besuchten wir eine dort stehende Replik der Freiheitsstatue, einen riesigen Roboter aus einem weltweit bekannten Anime und ein futuristisches Technik-Museum, in dem sich jeder ernsthaft wissenschaftlich Interessierte die Finger lecken würde. Für uns waren einige der Ausstellungen ein wenig zu verkopft, aber wir genossen es, mal wieder in einem Museum rumzuschlawenzeln.

 

Kamakura und Yokohama

Tokio bietet die Möglichkeit, zahlreiche Tagesausflüge in die nähere Umgebung zu starten. So sattelten wir, erneut zu viert, die Pferde und fuhren nach Kamakura, einer kleinen Stadt im Grünen. Über einen buddhistischen Tempel wanderten wir durch japanische Wälder bis zur Küste, snackten hier und dort lokale Köstlichkeiten (z.B. Buddah-Pancakes) und besuchten eine riesige Buddha-Statue. Ein klasse Ausflugsziel, besonders wenn man mal wieder Meeresluft schnuppern will.

Nach Kamakura fuhr uns der Zug auf halber Strecke nach Yokohama, einer großen Stadt direkt am Wasser. Wir schlenderten zusammen durch das ortsansässige Chinatown und ließen uns ein recht ekliges Menü, bestehend aus gedämpften Teigtaschen, einer Suppe und anderem Zeug „munden“ – da sind wir wieder einmal in eine typische Touri-Falle getappt. 😊 Glücklicherweise konnten jedoch die knallbunte Umgebung und unser abschließender Besuch des Piers, von dem aus wir in der Ferne den Fuji im Sonnenuntergang erblicken konnten, gut entschädigen.

 

Zeit mit Ankit

Zwischendurch verbrachten wir natürlich auch ein bisschen Zeit mit Ankit, obwohl der alte Schlawiner ein echtes Arbeitstier und Marathonläufer ist. Wie es sich zeigte, konnten wir davon live und in Farbe etwas mitbekommen, denn während der Zeit unseres Aufenthaltes fand der Tokyo-Marathon statt, bei dem wir Ankit an zwei Punkten volle Pulle anfeuerten. Komischerweise waren wir aufgeregt wie Teenies, als er tatsächlich an uns vorbeilief. 😊 Dazu noch eine kleine Fail-Geschichte: Er konnte unterwegs immer mal wieder mit seiner Smart-Watch mit uns kommunizieren und so machten wir einen Treffpunkt aus, von dem wir ihn anfeuern würden. Wir warteten ein gutes Stück vor unserer angegeben Ankunftszeit dort um ihn auch wirklich abzupassen. Das Ganze spielte sich jedoch außerhalb der Reichweite eines W-Lan-Netzes, womit wir also keine Verbindung mehr mit Ankit aufbauen konnten. Als er vorbeilief hob er die Hand und wir glaubten, dass er mit uns einschlagen wollte (was wir natürlich verpatzten) nur um dann später herauszufinden, dass er uns um eine kleine Wasserflasche gebeten hatte. Er hatte also die Hand gehoben um das Wasser zu pflücken und wir hatten versagt – ein furchtbares Gefühl. :p War am Ende aber gar nicht schlimm, denn seine Freundin konnte ihm noch etwas von unterwegs mitbringen.
Abgesehen davon probierten wir einmal ein paar japanische Snacks mit ihm in einem Restaurant ganz in der Nähe seiner Wohnung (z.B. Fisch-Törtchen und Tintenfisch) und gönnten uns danach ein kaltes Bier in einer nahegelegenen Bar. Bei einem gemütlichen Schwatz lernten wir uns näher kennen und förderten so den interkulturellen Austausch. 😊
Eines anderen Abends kochten wir für die Beiden Bouletten mit Stampfkartoffeln und Mischgemüse, was zu einem vollen Erfolg wurde. Bei Bier und japanischem Schnaps ließen wir den Abend ausklingen und waren einmal mehr dankbar für diese tolle Möglichkeit der Unterkunft.
Das Coolste ist, dass Ankit im September nach Berlin kommen wird um dort den Marathon zu rennen – das werden wir natürlich zum Anlass nehmen um ein bisschen mit ihm um die Häuser zu ziehen – so klein ist die Welt!

Allgemeines über Japan

Im Großen und Ganzen fasst dieser Beitrag unsere Zeit in Tokyo schon recht gut zusammen – es fehlen jedoch noch etliche Details, in denen wir durch knallbunte und volle Straßen stromerten und verrückte Snacks probierten, grübelten, ob wir in ein Katzencafe gehen sollten, in einem Zoo eine ellenlange Schlange fürs Angucken eines Pandabären sahen, kaiserliche Gärten besuchten und und und.


Tokyo ist einfach großartig und beeindruckend – irgendwann kommen wir sicherlich noch einmal wieder.

Bevor es von der Hauptstadt in Richtung Kyoto geht, will ich an dieser Stelle noch ein paar allgemeine Worte über die Atmosphäre in Japan und insbesondere auch in der Hauptstadt verlieren.
Das Land ist ja dafür bekannt, eine einzigartige Mischung aus Jahrhunderte alter Kultur und futuristischem Fortschritt zu vereinen und das ist auch tatsächlich so: Die ganze Stadt ist durchzogen von kleinen und großen Tempeln, wobei jedoch beinahe überall freies und superschnelles W-Lan ausgebaut ist. An jeder Ecke gibt es Getränkeautomaten, leckere Snacks und Convenient-Stores, in denen man sich von Sushi, über Curry mit Reis bis hin zu Schinken-Käse-Wraps komplette Mahlzeiten aufwärmen und für einen schmalen Taler verspeisen kann. Diese Läden sind einfach klasse und überraschend, denn das Essen ist frisch und richtig gut. Nicht so hingeschmiertes Zeug wie in der Tanke oder so ein Lidl-Fertig-Burger, sondern so, als wäre es noch am selben Tag früh in den Laden gekommen. Allgemein sprechen wir bei der Nahrungsaufnahme in Japan (mal abgesehen vom ekligen Zeug in Chinatown) in 99% der Fälle von Essen hoher Güteklasse und guter Zubereitung – da muss man auch erstmal drauf klarkommen. 😊
Die Japaner sind beinahe ausnahmslos mit Smartphones ausgestattet und insbesondere in Tokyo über die Maßen gut gekleidet. Wir kamen uns oft wie Penner vor. Gleichsam spürt man jedoch keine Arroganz, sondern so etwas wie einen verschwiegenen Code der Rücksichtnahme: Bei unserer ersten U-Bahnfahrt war das gesamte Abteil voll mit Anzugträgern, es herrschte jedoch beinahe Grabesstille. Keiner der Fahrtgäste gab einen Laut von sich, raschelte mit der Zeitung oder hüstelte – es war nur die Bahn zu hören. Ich übersetze dieses Verhalten Mal mit dem Wunsch, das Gegenüber in keinem Fall zu stören. Dieses Verhalten zieht sich durch viele Aspekte des Alltags: Ob im Geschäft, bei McDonalds oder in der U-Bahn sind die Menschen hier rücksichtsvoll und beinahe ergeben. Ziemlich seltsam am Anfang, aber doch auch angenehm in eine so respektvolle Kultur zu einzutauchen.
Auf den Straßen und den Bahngleisen spiegelt sich wieder, wie unglaublich durchorganisiert das Leben in der Metropole ist: Die Bahn kommt so gut wie nie zu spät und ist immer „on point“. Auf den Straßen ist es meist so laut wie in Hennigsdorf auf dem Postplatz an einem mäßig besuchten Tag – und das in einer 9-Millionen-Menschen-Stadt. Das liegt daran, dass der ganze große Verkehr über die Stadtautobahn fährt und innerhalb extrem viele sehr leise oder Hybridfahrzeuge betrieben werden.  Daher kommt man sich meistens vor wie in einer Kleinstadt – richtig genial!
Apropos Autos: Hier mal eine kleine Beobachtung für alle Toyota-Liebhaber. Diese Marke stammt ja aus Japan und wird dort dementsprechend oft gefahren. Es rollen jedoch oft ganz andere Modelle über die Straßen als bei uns zuhause und das geniale ist, dass viele Baureihen eine spezielle Plakette spendiert bekommen hat, die den Status des Autos repräsentiert und das Firmenlogo an der Front ersetzt. So gibt es das Königsmodel, „Crown“ genannt, das vorne eine goldene Krone trägt – fetzig.
Jeder, der es tatsächlich bis hier geschafft hat merkt, dass ich ins schwelgen gerate. Bevor dieser Beitrag also längentechnisch biblische Ausmaße annimmt ende ich mit: Teil zwei kommt bestimmt bald. 😉 Danke fürs Lesen!

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