Das Chaos Hanois und die Stille der Berge

12. – 16. März 2018

Hanoi

Schwüle Wärme empfing uns am Flughafen in Hanoi. Nach den kalten, aber auch erfrischenden Tagen in Japan also definitiv ein gewöhnungsbedürftiger Klimawechsel, der uns da um die Nase wehte. Doch nicht nur das Wetter sollte uns vor alt bekannte Herausforderungen stellen: Dieses Land sollte viel Aufregendes in unserem zweiwöchigen Aufenthalt für uns bereithalten.
Aber erst einmal zurück zum Flughafen. Da wir mitten in der Nacht landeten, hatten wir uns schon vorab in unserer Unterkunft einen entspannten, wenn auch überteuerten Flughafentransfer bestellt. Es erwartete uns ein wortkarger Vietnamese mit Schild, der uns um 2 Uhr nachts endlich in Richtung unseres Domizils in der Innenstadt Hanois fuhr. Trotz der späten Stunde waren noch oder schon ein paar Leute umtriebig: An den Straßenrändern erblickten wir geöffnete Blumenverkaufsstände, auf den vereinzelt vorbeifahrenden Roller türmten sich die Rosen. Trotzdem gab sich die Großstadt des Nachts ruhig und die vorbeifliegenden Fassaden alter Häuser erinnerten uns an manchen Stellen an die schönen Altbauten Berlins – ein Hauch von Wehmut lag in der Luft, erinnerte uns die Szenerie doch an die lauen Sommerabende in der Hauptstadt. Die Müdigkeit machte sich jedoch trotz des nostalgischen Schwelgens bemerkbar und so waren wir doch recht froh als wir endlich im Hotel ankamen.
Der Nachtwächter empfing uns nicht gerade überschwänglich, was angesichts dessen, dass wir ihn aus dem Schlaf gerissen hatten, aber auch nicht sonderlich verwunderlich war. 😉 Er führte uns jedoch aus dem Haupthaus den Flur zurück, in einen anderen Teil des Hotels, wo wir unser Zimmer beziehen sollten. Kaum betraten wir das Treppenhaus und unseren Schlafplatz, wurde der kleine Hauch von heimatlicher Wehmut zu einem Kloß im Hals. Das von uns gebuchte „Standardzimmer“ stellte sich als in die Jahre gekommenes, abgelebtes Kabuff heraus, in dem hier und da der Schimmel fröhlich spross. So ein bisschen fühlten wir uns wie Hunde, die nicht im Haus, sondern nur in ihrer kargen Hütte im Garten schlafen dürfen und wehmütig durchs Wintergartenfenster der lachenden Familie beim Abendessen zuguckten. 😊
Aber da die Müdigkeit schwer an unseren Augenlidern und Gliedern zerrte, schliefen wir schnell von leicht muffigem, schimmeligem Geruch umgeben auf dem widersprüchlich, recht bequemen und sauberen Bett ein. Um den folgenden Morgen zusammenzufassen: Nach dem Frühstück zogen wir in ein anderes Zimmer um. 😉 Dieses lag im Hauptgebäude der Unterkunft und war bezüglich Sauberkeit und Ausstattung quasi ein ganzes Universum vom vorherigen entfernt. Dieses Zimmer konnten wir uns sehr gut als Refugium und Rückzugsort für die nächsten zwei Nächte vorstellen, denn einen solchen Ort Erholung sollten wir auch brauchen.
Nach dem Frühstück schnallten wir uns die Kamera um und zogen los in Richtung Hanois bekannter Altstadt, welche sich direkt an unser Hotel anschloss. Schon bevor wir die Tür der Unterkunft öffneten, hörten wir das leise Brummen von vorbeifahrenden Rollern – von der Ruhe der Nacht war nichts mehr geblieben. Wir traten keine zwei Schritte aus der Tür heraus und waren mittendrin im vietnamesischen Verkehr. Wir lasen und hörten schon viel von diesem Wahnsinn, aber darauf kann einen nur schwerlich etwas vorbereiten: Wir waren etwas sprachlos. Aus allen Ecken und Gassen kamen die Roller herbeigesaust. Scheinbar ohne jegliche Regel sucht sich jeder seinen Weg durch das Getümmel, oft ohne Rücksicht auf Verluste. Nachdem wir wohlbehalten und einmal durchgeschwitzt eine kleine Straße überquert hatten, zückten wir die Kamera. Die schönen, alten Häuser der Altstadt boten eindrucksvolle Motive und die Märkte auf dem Bürgersteig waren einfach faszinierend. An uns vorbei fuhren die Spitzhuttragenden Frauen auf ihren vollbeladenen Rädern und an jeder Ecke war etwas los, wie im Bienenstock. Wir sogen diese Atmosphäre des Getümmels in uns auf und schlenderten aufmerksam durch die Straßen, ein kleiner Zusammenstoß mit einem Moped ließ sich trotzdem nicht vermeiden. Upsi. (ist aber nichts weiter passiert 😉)

An einem kleinen See inmitten der Stadt legten wir eine „Reizpause“ ein und beobachten ein wenig das Treiben in der kleinen Anlage. Nach einigen Minuten gesellte sich ein junger Vietnamese zu uns, der Werbung für sein Harry Potter Cafe machte. Da traf er bei Tobi genau den richtigen Nerv und nach einem angeregten Gespräch mit Tobi, welcher ja unwesentlich mehr von dieser Filmreihe angetan ist als ich, kam heraus, dass Huang einige Leute suchte, die an diesem Nachmittag Zeit hätten. Seine Schilderung war ein bisschen undurchsichtig, aber irgendwie sollten wohl jemand kommen, um Bilder in seinem Cafe zu schießen, irgendwann zwischen 14-15 Uhr – dazu lud er uns herzlich ein, denn er wollte dafür den Laden schön voll haben.
So richtig wussten wir es auch nicht, aber da uns der Kerl so sympathisch war ging es also zu besagter Zeit in das in sein Ha-Po-Cafe. Nach einem „Butter Beer“ (Fans der Filmreihe wissen wohl gleich Bescheid) und einem Shake flatterte auch der Besitzer ein und freute sich echt von Herzen uns zu sehen. Welch schönes Gefühl! 😊 Die kleine Fotosession schwoll jedoch plötzlich zu etwas Größerem an: Schlecht haben wir nicht geschaut. 😀 Der junge Inhaber wurde zunehmend nervöser und erkläre uns, dass ein kleines Interview für das vietnamesische Fernsehen mit uns geführt werden sollte.  Kurzum hatten wir erneut ein „Butter Beer“ vor der Nase, eine Frau mit Mikro saß uns gegenüber und hinten stand der Kameramann, der stetig die Linse auf uns hielt. Gar nicht schlecht für unseren ersten Tag in Vietnam. 10 Minuten später war auch schon alles vorbei, Tobi konnte mit seinem Wissen glänzen und ich mit meinem Lächeln. 😉

Die ersten Stunden in einem neuen Land sind jedes Mal noch sehr aufregend, vor allem kulinarisch. Da waren wir froh, dank eines Blogeintrages schon eine kleine Hilfe bei der Nahrungssuche an die Hand bekommen zu haben. So konnten wir sorglos die ersten vietnamesischen Köstlichkeiten probieren: Bahn Mi, eine Art Sandwich, und „Bun Bo Nam Bo“, ein Gericht aus weißen Reisnudeln mit Salat, Minze, Fleisch und Erdnüssen.

Auch den zweiten Tag verbrachten wir damit, die Stadt per Fuß zu erkunden und unser Gefühl für Land und Leute zu verbessern. Ein Höhepunkt auf dieser Erkundungstour war die sogenannte „Train Street“. Direkt durch ein Wohngebiet führen Gleise, an denen gekocht, gewaschen und gelebt wird, bis auf die 10 Minuten vor und nach einer Zugdurchfahrt. Dann werden schnell die Sachen von den Gleisen geräumt und alles verschwindet in den Häusern. Diese „Straße“ ist ein großer Touristenmagnet und ein beliebter Fotospot. Wie ambivalent das Verhältnis zwischen Touris und dem Leben der Locals jedoch sein kann, erlebten wir am eigenen Leib. Ein alter Mann scheuchte uns während des Bildermachens wild gestikulierend weiter – er war sichtlich von unserer Anwesenheit gestört. Im ersten Moment flammt natürlich der Ärger auf, doch beim zweiten Hinsehen regt es zum Nachdenken an: Wir, und hunderte andere Menschen, laufen tagtäglich durch ihren Lebensraum, der im Grunde überhaupt keinen touristischen Zweck hat und machten Bilder. Das gab uns wieder einmal wieder Futter fürs Gehirn und Zeit, unser Verhalten zu reflektieren.

Nach diesem Stopp brauchten wir eine Pause, da wir von der großen Reiz- und Lärmüberflutung schnell, ha, gereizt wurden.  Es wimmelte und hupte ununterbrochen, die Händler boten rufend ihre Ware an und einige Gerüche, wie von Müll und von ungekühltem Fleisch und die Bullenhitze taten ihr Übriges. Nach einer ausgiebigen Mittagspause schlenderten wir noch einmal gemütlich durch die Straßen und verabschiedeten uns von der wuseligen, aber auch schönen Stadt.

Sapa

Um 6 Uhr früh am nächsten Morgen ging es für uns schon weiter. Wir genossen die Ruhe der Stadt, während wir auf unseren Bus warteten und beobachten wie langsam die Geschäfte öffneten, Leute noch schnell eine Runde Frühsport an der Straße machten. Nichts wies darauf hin, welches Chaos in einigen Stunden hier herrschen würde. Doch zu diesem Zeitpunkt lagen wir schon im Bus, auf unserem Weg Richtung Sapa, ein Dorf weit im Norden Vietnams. Und ja, lagen! 😊 Für uns war es nämlich eine kleine Premiere, denn wir fuhren die 6 h in einem sogenannten Sleeperbus. Hier gab es nur einzelne, liegende Sitze. Am besten beschreibt es wohl ein Bild:

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Für mich kleines Persönchen war diese Fahrt definitiv sehr angenehm, Tobi hatte mit seinen langen Beinen da schon mehr seine Probleme. 😉

In Sapa angekommen, nahmen wir nur schnell ein Mittag zu uns und flüchteten mit einem Taxi aus dieser Ortschaft. Dort reihte sich nämlich Hotel an Hotel, Restaurants und Souvenirläden gab es en masse, alles in einer recht zwielichtigen Atmosphäre. Wir waren froh, dass das Dorf Sapa nicht unser endgültiger Stopp war.

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Wir hatten nämlich 10km entfernt eine kleine Unterkunft mitten in den Bergen gebucht, ein sogenanntes Homestay. Dies ist eine Art kleiner Familienbetrieb und je nach Größe wird hier eng mit einer vietnamesischen Familie zusammengewohnt. In unserem Fall waren die Besitzer noch sehr jung und boten in ihrem schönen Gästehaus ca. 15 Gästen Platz. Wir wurden herzlich empfangen und genossen die freundliche und familiäre Atmosphäre, genauso wie den ungehinderten Blick auf die Berge und Reisterassen.
Am Tag unserer Ankunft hatten das Homestay-Ehepaar erfahren, dass sie ein Kind erwarten und so wurde am Abend gefeiert: Jeder Gast bekam ein Getränk aufs Haus. Schön, an solch einer Freude teilhaben zu dürfen. Generell wurde am Abend immer zusammen mit allen Gästen gegessen, wobei die beiden Besitzer echte Könner in der Küche waren. Ein Taum! Wirklich das beste Essen, was wir in Vietnam genießen durften.


Nach einem erholsamen Schlaf ging es am nächsten Tag auf Wanderung. Mit zwei deutschen Mädels, welche auch in dem Homestay schliefen, machten wir uns mit einer Guidin mit dem schwungvollen Namen „Ah“ auf den Weg zu dem eigentlichen Grund unseres Trips in den Norden: Reisterrassen. Die Region rund um Sapa ist berühmt für ihre riesigen, an Berghängen liegenden Terrassen, die in den verschiedenen Jahreszeiten eine Vielzahl an Farbspektren durchlaufen.
Ah wurde dabei ihrer Guide-Rolle anfangs nicht sonderlich gerecht: Sie sprach kaum mit uns, nur wenn wir ihr Infos aus der Nase zogen und quatschte mit den uns folgenden Frauen, die hier und da versuchten uns ihre Waren zu verkaufen. Nach einiger Zeit des Warmwerdens lief es jedoch viel besser, denn wir konnten immer mehr Fragen, z.B. über die Hmong, ein dort lebendes indigenes Volk, loswerden und bei unserer Wanderung kleine Einblicke in das Leben der Locals erhalten. Allem voran war jedoch die atemberaubende Natur das große Highlight unseres Treks.
So führte uns Ah zu einem kleinen Wasserfall, hinauf in einen Bambuswald und durch die Reisterrassen. Stets konnte man kurz innehalten und den Blick über das riesige Tal mit Bergpanorama schweifen lassen. Das ist in dieser Gegend nicht immer so, denn oft liegen die Hänge im dicken Nebel, weswegen man oft weder die Terrassen noch die Berge erkennen kann. Wir aber durften uns am Sonnenschein und verhältnismäßig klarer Sicht erfreuen. Einfach klasse!
Noch schöner wird es dort zwar, wenn tatsächlich Reis gepflanzt ist und an den Hängen wächst und gedeiht, aber man kann ja auch nicht alles haben. 😉  Nach knapp 15 km Wanderung kamen wir doch recht erschöpft im Homestay an und so verlief der Rest des Tages mit: Bett, Hängematte, Essen, Bett. 😊


Am nächsten Morgen, als wir auf der Terrasse des Homestays frühstückten, konnten wir kaum die umliegenden Berge sehen.  Dichter Nebel hing über dem Tal und vereinzelt fielen leichte Regenschauer. Dementsprechend unternahmen wir nur noch einen kleinen Spaziergang am Nachmittag, erfreuten uns an den Hühnern, Wasserbüffeln und Hängebauchschweinbabys in der Nähe und machten uns am Abend wieder auf nach Sapa.


Im Dorf angekommen, sollten wir zu einer uns gegebenen Adresse fahren um dort auf unseren nächsten Sleeperbus zu warten. Die Adresse stellte sich als recht nobles Hotel heraus, mit einer schicken Empfangshalle und gemütlich wirkenden Sofas. Umso größer war die Freude, dass wir dort tatsächlich auf unseren Bus bzw. den Transfer zu diesem warten konnten. Stumm wurden wir von einem Mann abgeholt, der uns ohne Erklärung auf einem dunklen Parkplatz herausschmiss. Dort wartete schon das zwielichtige Personal des Busunternehmens, schnappte sich, wieder einmal wortlos, unserer Rucksäcke und packten sie ein. Okay, es können ja nicht alle Englisch sprechen. Wir stiegen also an, zogen unsere Schuhe aus und suchten uns zwei passende Schlafplätze. Keine Minute später kam der Fahrer wild gestikulierend auf uns zu und gab uns mit einem „No No No“ zu verstehen, dass wir da nicht liegen können. Mit einer scheuchenden Bewegung verbannte er uns auf die hinteren Plätze, bar jeglicher Erklärung. Wie geprügelte Hunde trollten wir uns also. Ein bisschen verschnupft über dieses lieblose Verhalten, stellte sich jedoch letztlich heraus, dass dort Vietnamesen Platz nahmen, die wohl früher aussteigen würden und somit die anderen Gäste nicht stören würden.  Das fanden wir aber auch erst fast am Ende der Fahrt heraus. Hach ja.
Vorher ärgerten wir uns noch eine Weile über das für uns zu dem Zeitpunkt noch unverständliche Verhalten und versuchten unsere grummelnden Mägen zu überhören. Wir hatten die Zeit im Hotel bzw. in Sapa nämlich leider etwas knapp bemessen und in Laufnähe keinen Laden mehr gefunden, der uns mit den leckeren Banh Mis zum Abendbrot versorgen konnte. So bestand unser Mahl im Bus dann aus Keksen und einem trockenen Baguette. Yummi! 😉 Wir waren ja auch nur knapp 12h unterwegs… manchmal sind wir schon kluge Köpfe!
Der Schlaf umfing uns jedoch alsbald und wir rollten sicher und problemlos, wenngleich auch ein bisschen hungrig in unserem nächsten Ziel ein: Dem kleinen Städtchen Cat Ba.

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